Coronakrise, Reset, Perspektiven
Mindset: Reset statt Ökozid?

30 Jahren lang blieben die Warnungen vieler Ökonomen ungehört, dass der bestehende Gesellschaftsvertrag, der sich mit der ersten industriellen Revolution Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts etabliert hat, für das 21. Jahrhundert nicht mehr kompatibel ist. Ein Hinauszögern der dringenden gesellschaftlichen Transformation, so die Warnungen, würde mit jedem weiteren Jahr extremere Maßnahmen erfordern – bis hin zum harten Aufschlag. Einem Reset?

von | Dezember 2020 | Allgemein | 1 Kommentar

Industrialisierung
Beitragsbild: Das Zeitalter der ersten großen Industrialisierung ist vergangen. Aktuell stehen wir inmitten der zweiten, wirklich bedeutsamen industriellen Revolution. Bildquelle.
Beitragsbild: Das Zeitalter der ersten großen Industrialisierung ist vergangen. Aktuell stehen wir inmitten der zweiten, wirklich bedeutsamen industriellen Revolution. Bildquelle.

Die Welt steht Kopf:

Wir wissen, dass es kein Zurück mehr zum alten Normal geben wird, realisieren dies aber nur sehr zögerlich.

Noch eher mit Widerwillen realisieren wir, dass der bisher praktizierte Kapitalismus so nicht mehr funktioniert und wir auch endgültig im digitalen Zeitalter angekommen sind.

„Der Neoliberalismus hat ausgedient“,

sagt selbst der Präsident des World Economic Form (WEF), Klaus Schwab. Daneben ist und war der technische Fortschritt nie ein demokratischer Prozess, keine planbare Entwicklung, über die wir demokratisch abstimmen konnten. Dieser Fortschritt wird vonseiten kommerzieller Unternehmen irreversibel und mit großem Schub vorangetrieben. Bezüglich der nötigen Gesetzgebungen hinken alle große Staaten bei dieser exponentiell dynamischen Entwicklung hinterher.

Wie geht es weiter? Was erwartet uns? Als Unternehmer? Im privaten Umfeld? Wie „schlimm“ wird es noch werden? Die Lage ist ernst, aber kein genereller Grund für allzu dystopische Prognosen.

„Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn vorbei sein wird und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

(Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher, Publizist)

Um zu verstehen, welche Folgen der aktuelle Reset hat, der mit der Coronakrise einhergeht, hilft ein Blick auf die Wucht der ersten industriellen Revolution sowie in aktuelle Fachliteratur zeitgenössischer Experten. So wird erkennbar, welche fundamentalen Folgen besonders die zweite tatsächlich bedeutsame industrielle Revolution, die Digitalisierung, entfaltet und welche Trends sich daraus ableiten. Diese Übersicht ergründet den künftigen Boom von nachhaltigen Unternehmen, so auch Purpose- und Gemeinwohlunternehmen. In den weiteren Beiträgen dieser Serie gehen wir, wegen der tragenden Rolle bei der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung, näher auf Geschäftsmodelle, einzelne Protagonisten, Anwendungen und Konzepte solcher Unternehmen ein.

Führende Personen der Weltwirtschaft sehen die aktuelle Lage pragmatisch. Etwa Klaus Schwab, der wohl zu den umstrittensten Köpfen der Gegenwart zählt. Er vergleicht die transformatorischen Kräfte dieser Pandemie während der nächsten Jahre in einem Interview mit zeit.de wörtlich mit einem Krieg. Ungeachtet der Kritik: Der Wirtschaftswissenschafter ist global maximal vernetzt. Sein aktuelles Buch COVID-19: THE GREAT RESET bringt den Begriff „COVID-19“ direkt in Zusammenhang mit einem Reset. Seine Thesen mögen umstritten sein, sind aber aufschlussreich.

Es ist müßig, darüber zu debattieren, ob sich ein Reset der globalen Wirtschaft erst als Folge der Coronakrise entfalten kann oder ob er ohnehin passiert wäre.

Anhand der Faktenlage zur Coronakrise in Bezug auf diverse Indikatoren und der nicht immer logischen Agitationen der Politik,

dürfte COVID-19 tatsächlich auch ein Reset sein.

Die Gemengelage ist unvorstellbar komplex. Unter Coronakritikern florieren einfache Formeln, etwa die „die-da-oben-Formel“. Doch wir als Konsumenten sind kaum besser. Wer interessierte sich bisher schon dafür, welche Menschen in einer Kobaltmiene im Kongo ihr Leben oder einen Teil ihrer Lebenszeit für die eigene Smartphone-Bequemlichkeit opfern mussten? Generell müssen wir uns fragen:

Welches Schicksal hätte uns ohne einen „Great Reset“ ereilt und wie können wir die Lage jetzt richtig einschätzen?

Prognosen zeitgenössischer Experten

Jeder von uns ist in seinem Fach kompetent. Doch wir alle schwimmen in einem Meer von Inkompetenz (Richard David Precht). Um das aktuelle Szenario zu verstehen, ist ein Querschnitt aktueller Fachliteratur und Publikationen von zeitgenössischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern, Zukunftsforschern, Philosophen, Investoren von Risikokapital und IT bzw. noch eher KI-Experten nützlich. So entsteht ein interdisziplinärerer Überblick – eine Summe, die einen roten Faden erkennen lässt und einen Eindruck davon vermittelt, was da gerade passiert: Experten ganz unterschiedlicher Fachrichtungen sind sich bei der Bewertung des Status quo und bei ihren Prognosen für die Zukunft meistens erstaunlich einig:

Etwa Yuval Noah Harari (Historiker, Hebräische Universität Jerusalem), Prof. Harald Welzer (Soziologe und Sozialpsychologe), Richard David Precht (Philosoph, Zukunftsforscher), Andrew McAffee (stellv.  Direktor des „Center for Digital Business“ an der MIT Sloan School of Management), Christian Felber (Mitbegründer der Gemeinwohlökonomie, Gründungsmitglied Attac, Österreich), Harro Heinrich Alexander von Senger (Sinologe, China-Wirtschaftsexperte), der Futurologe Matthias Horx (Die Zukunft nach Corona), der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Christof Niederwieser oder z. B. Kai-Fu Lee, Ex-Google-China-CEO, milliardenschwerer Start-up-Investor und einer der weltweit renommiertesten AI-Experten insbesondere für den chinesischen Markt), nebst diversen weiteren. Zeitgenössische Experten mit der Fähigkeit, die Historie mit der Gegenwart und der Zukunft zu vernetzen und richtig Schlüsse vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse zu ziehen.

Gesucht: Neuer Gesellschaftsvertrag

Der gesellschaftliche Fortschritt wurde und wird, wie erwähnt, auch von der Industrie selbst vorangetrieben. Die bekommt jetzt mit der Digitalisierung eine schier grenzenlose Macht, nicht zuletzt aufgrund des Zugriffs auf unser aller Daten und durch Abhängigkeiten bei der Nutzung. Damit entstanden digitale Supermächte, denen es heute relativ egal sein kann, wer „unter ihnen“ die Regierung z. B. in Deutschland anführt – sie agieren mit Budgets für die Forschung, die den Haushalten kleinerer Staaten entsprechen. Für den Philosophen Richard David Precht wird mit Blick auf diese exponentielle Entwicklung auch deutlich, dass der Trend in Richtung einer „technokratischen Diktatur“ geht und wenige Konzerne eine unvorstellbare Machtfülle erhalten. Andere zeichnen eine weniger düstere Vision der Zukunft.

Experten wie Andrew McAffee sprechen in Bezug auf die Digitalisierung von nur zwei wirklich großen industriellen Revolutionen. Wie weitreichend die aktuellen Umbrüche sind, zeigt uns die Dynamik der ersten industriellen Revolution. In seiner Definition, die von vielen geteilt wird, zwangen uns also nur zwei industrielle Revolutionen dazu, einschneidende transformatorische Umbrüche für die Gesellschaft zu organisieren, wobei wir jetzt gerade die umfassendste erleben, die wir je zu stemmen hatten: die in ihren Möglichkeiten und Auswirkungen gerade erst beginnende Digitalisierung:

  1. Erste große industrielle Revolution: Industrialisierung, Dampfmaschine, Beginn Industrieproduktion, etwa Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts:
    • Darauf basierend kam die zweite offizielle industrielle Revolution: Fließbandarbeit, industrielle Serien- und Massenproduktion, Akkordarbeit, Elektrifizierung, beginnend etwa Ende des 19. Jahrhunderts.
  2. Zweite große industrielle Revolution: Mikroelektronik, etwa ab den 1970er-Jahren, noch ohne die heute gemeinte Digitalisierung, die dritte offizielle industrielle Revolution bezeichnet.
    • Als Folge daraus begann vor etwa 30 Jahren langsam auch die Digitalisierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche, heute auch als vierte industrielle Revolution bezeichnet. Doch bisher ist kaum mehr passiert, als Daten zu digitalisieren. Die tatsächlichen Auswirkungen der Digitalisierung beginnen sich gerade erst zu entfalten und erfordert eine völlig neue Wirtschaftsform, mit geradezu epochalen, derzeit kaum vorstellbaren Auswirkungen für uns alle.

Werfen wir einen Blick auf die erste industrielle Revolution, die derart einschneidend war, dass die Menschheit einen neuen Lebensvertrag begründete: Mit dieser industriellen Revolution ging sogar das Ende der Allmächtigkeit von Adel und Kirche einher – es begann das bürgerliche Zeitalter, Stichwort:

Bürgerliche Lohnarbeits- und Leistungsgesellschaft.

Treiber der damaligen Zeitenwende war die Industrie, so wie heute. Damals entwickelten sich parlamentarische Demokratien und Rechtsstaatlichkeiten. Mit der ebenfalls entstandenen Ideologie des bis heute geltenden Humanismus, erhielten Menschen zunehmend weitreichende persönliche Rechte. So hat die Industrialisierung, wenn auch nicht uneigennützig, positive Entwicklungen forciert, was viele Autoren als Lichtblick auch für die künftige Entwicklung werten.

Erste industrielle Revolution

Das Zeitalter der physischen industriellen Revolutionen ist vorüber. Die Digitalisierung als zweite wirklich wichtige industrielle Revolution ist der bedeutendste industrielle Wendepunkt der Menschheit. Bild von: Peter H auf Pixabay

Der Humanismus entstand nicht zufällig mit Beginn der ersten industriellen Revolution, in einer Zeit also, in der Millionen Menschen als „Faktoren“ für die Wirtschaft von Bedeutung wurden – ein Umstand, der sich aktuell zu ändern beginnt. Das humanistische Weltbild galt bisher als wirtschaftlich nützlich. Der Deal ging auf. Ein Mensch war entweder als Humankapital der Industrie wichtig oder, letztmalig nur einige Jahrzehnte zurück, für die großen physischen Kriege, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts wüteten. So wurde der Mensch zu einem wichtigen Element der Industrialisierung und dementsprechend wertschätzend behandelt.

Dieser Gesellschaftsvertrag ab Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts hat über 200 Jahre funktioniert.

Seinerzeit wurden Millionen von Bauern zunehmend von ihren Feldern in die Fabriken oder für die Armee angeworben. Mit der jetzt real beginnenden Digitalisierung, werden jedoch rasend schnell immer weniger Menschen in der Industrie gebraucht. Und auch die großen, schrecklichen Kriege der vergangenen Jahrhunderte, die für viele Staaten überlebenswichtig waren und für die viele Millionen Menschen an der Front und Heimatfront gebraucht wurden, haben sich zunehmend egalisiert. Nach der ersten industriellen Revolution konnte sich die Gesellschaft über Jahrzehnte umformen. Die aktuelle Realisierung, dass sehr viele Menschen nicht mehr gebraucht werden, verläuft signifikant schneller. Und wir haben bereits 25 Jahre Reaktionszeit verloren.

Erst jetzt also nehmen die gesellschaftspolitisch relevanten Themen der zweiten wirklich großen industriellen Revolution, wie das Internet der Dinge (IoT) und die Vernetzung von Virtuellem mit dem Materiellen, Fahrt auf. Nach ihrer Geburt erleben wir gerade die Gehversuche künstlicher Intelligenz, die sich mit großer Dynamik entwickelt und nicht früher, als genau jetzt unheimlich schnell zu laufen beginnt. Die Zukunft der Digitalisierung mündet in weniger als 20 Jahren im heute schon so bezeichneten Industrie-5.0-Szenario mit transhumanistischen und cyberphysischen Systemen.

Organischer versus nicht organischer Algorithmus

Generell, so resümieren die Experten in ihren Büchern konform, gibt es keinen Grund zur Annahme, dass organische Algorithmen, also elektrische Strömungen bzw. biochemische Prozesse in unseren Gehirnen, in einigen Jahren immer noch produktionstechnische Leistungen vollbringen können, die ein künstlicher Algorithmus nicht schon sehr bald genauso gut oder sogar besser bewerkstelligt (z. B. Adrew McAffee, Yuval Noah Harari, Kai-Fu Lee, etc.). Der Dataismus (Big Data, Deep-Learning) nimmt langsam annähernd die Stellung einer religiösen Weltanschauung an, mindestens so fundamental wie die des Humanismus.

Nur fehlt bis heute ein tragfähiges Gesellschaftsmodell für die Digitalisierung.

Um die unvorstellbare Wucht der aktuellen technischen Revolution zu verdeutlichen, nur so viel: Noah Harari kommt in seinem Werk „Homo Deus“ u. a. auf die bereits bestehenden Möglichkeiten digitaler Algorithmen zu sprechen, etwa bei der Komposition großer Werke, die denen von Ludwig van Beethoven, Johan Sebastian Bach oder Wolfgang Amadeus Mozart nicht nur entsprechen, sondern sie sogar überbieten:

David Cope ist ein US-amerikanischer Autor, Komponist, Wissenschaftler und ehemaliger Professor für Musik an der University of California in Santa Cruz. Cope ist eine der umstrittensten Figuren der klassischen Musik. Er hat einen Algorithmus (EMI, Experiments in Musical Intelligenz) entwickelt, der Konzerte, Symphonien oder Opern imitiert – und an einem Tag bis zu 5.000 Choräle à la Bach bewerkstelligt. Menschen, die nicht wussten, dass die Werke digital erzeugt wurden, äußerten, dass sie die Kompositionen tief im Innersten berührt hätten – reagierten dann jedoch gereizt, nachdem sie erfuhren, dass die Kompositionen von einem digitalen, nicht organischen Algorithmus herstammen. Bei einem Wettbewerb, in dem echte Kompositionen von Bach gegen EMI angetreten sind, sollte das Publikum bewerten, wer welches Stück komponiert hatte. Das Ergebnis: Bei EMI glaubte das Publikum mehrheitlich, echte Kompositionen von Bach gehört zu haben.

Deep-Learning, KI

Immer noch fehlen den meisten Menschen auch nur annähernde Vorstellungen von der transformatorischen Wucht der Digitalisierung und vom Tempo dabei. Sie ist gerade jetzt Treiber der weitreichendsten Veränderungen, die sich jemals für die Menschheit ereignet haben. Bild von ElasticComputeFarm auf Pixabay

Beim Schachspiel sind Algorithmen mittlerweile nicht mehr zu schlagen. Beim chinesischen Brettspiel „Go“ galt die intuitive Denkweise des Menschen 3.000 Jahre lang, bis vor wenigen Jahren noch als unschlagbar, denn das Spiel ist weit komplexer als Schach. Im Oktober 2015 entschied das Programm AlphaGo (DeepMind) die Partie gegen den Europameister Fan Hui mit 5:0. Und im März 2016 besiegte AlphaGo den seinerzeit weltbesten Spieler, den Südkoreaner Lee Sedol, der daraufhin in Tränen ausbrach, was ihm viele Sympathien einbrachte. Die Chinesen haben einen Quantencomputer „Jiuzhang“ entwickelt, der zehn Milliarden Mal schneller sein soll, wie Googles 2019 vorgestellter Quantencomputer. Schier unvorstellbare Dimensionen, sollte die Quantentechnologie kultiviert werden.

Was passiert jetzt mit immer mehr „nutzlosen“ Menschen?

Bleiben wir bei den akuten Herausforderungen der Gegenwart, in Bezug auf die Umwelt und die Digitalisierung im Zuge dieser zweiten wirklich großen industriellen Revolution: Immer häufiger sorgen disruptive Technologien auf Basis der Digitalisierung in nur wenigen Jahren für Umwälzungen ganzer Industriezweige, denken wir nur an Uber, Amazon, Streaming, Onlineprint oder Sharing-Apps, beispielsweise für Autos oder Wohnungen. In der Druckbranche wurden Schriftsetzer nach 500 Jahren binnen weniger Jahre egalisiert und so weiter. Auch das Internet hat die gesamte Branche binnen weniger Jahre umgekrempelt. Zehntausende Arbeitsstellen und Tausende Unternehmen fielen dem zum Opfer.

Die zweite große industrielle Revolution (regulär vierte industrielle Revolution) beginnt genau jetzt! Und sie ist viel schneller!

Erst jetzt werden Themen wie KI, Smart Factory, Augmented- und Visual Reality, 5G- und bald schon 6G-Standards, Deep-Learning, Blockchain und einiges mehr mit großer Wucht auch gesellschaftspolitisch relevant. Das passiert mit größtem Zeitdruck für unsere Gesellschaft. Womöglich ist auch das einer der Gründe für einen Reset, der sich im Zuge der Coronakrise abzeichnet.

Inwieweit die Substituierung von Arbeitsleistung nur „einfache“ Jobs im Niedriglohnsektor trifft, wird zu einer Kostenfrage. Wenn sich Roboter, ausgestattet mit hochempfindlichen sensitiven und taktilen Fähigkeiten, die mit absoluter Präzision auch kleinste Pakete hochpräzise in Regale einräumen können, im Verhältnis zum Niedriglohn-Job (samt Lohnnebenkosten) nach drei Jahren amortisieren, werden Jobs massenweise wegfallen. Unterstellen wir Niedriglohnkosten von 40.000 Euro/Jahr inkl. Nebenkosten. Berücksichtigen wir, dass Roboter 24/7 und auch an Wochenenden arbeiten, natürlich abzüglich Energie und Wartungskosten.

Ein solches Roboter-System spart die Kosten für 3,5 Mitarbeiter.

So würde sich ein System nach bereits zwei Jahren amortisieren, Anschaffungskosten von 150.000 bis 250.000 Euro pro System vorausgesetzt. Sinkende Kosten für solche Systeme korrelieren unmittelbar mit ihrer Produktionsmenge und schließlich leider auch mit der Zahl von wegfallenden Arbeitsstellen – eine unfassbar bedrohliche Dynamik.

Dies ist keine Science-Fiction, sondern technisch State of the art.

Es existieren bereits hochwertige und zuverlässige Systeme für selbstfahrende LKW, Bahnen oder Busse, sogar mit einem großen Zugewinn an Sicherheit. Auch gibt es bereits fix und fertig erprobte und längst einsatzfähige Kassiersysteme, die die Waren in einem Einkaufswagen völlig fehlerfrei, binnen einer Sekunde einscannen und bepreisen. Generell werden Paketdienste in Kürze obsolet – rein technisch gesehen sind sie es schon heute. In Hongkong liefern Drohnen testweise bereits Waren aus. Reibungslos.

Roboter

Maschinen mit taktilen und sensitiven Fähigkeiten, rentabel, sicher und zuverlässig. Wir erleben den Übergang in das endgültige digitale Zeitalter als Reset, ein Wendepunkt, der sich über Jahre erstreckt. Bild von Stefan Dr. Schulz auf Pixabay

Dasselbe gilt für Speditionen, die Taxibranche, Apotheken und so weiter. Besonders die Asiaten sind Treiber dieser Prozesse und schon heute KI-Marktführer, mit scheinbar grenzenloser Dynamik, Stichworte: Deep-Learning und Data-Mining.

Tatsächlich entstehen zwar neue Jobs, allerdings vor allem im Bereich der Hochqualifizierung. Der Fachkräftemangel wird sich exponentiell verschärfen. Jobs entstehen derzeit noch im Diensleistungssektor. In China etablierten sich Super-Apps, sogenannte O-to-O-Apps (Online-to-Offline), über die physische Dienstleistungen des echten Lebens online bestellt werden können. Doch auch hier gilt, analog zu Uber mit künftig selbstfahrenden Taxis, dass solche physischen Offline-Dienstleistungen schon sehr bald durch digitale Systeme oder Drohnen übernommen werden dürften, die das Smartphone eines Kunden orten und z. B. warme Mahlzeiten blitzschnell zustellen können.

Die Frage, warum große Supermarktketten nicht schon längst Kassier- und Einpackroboter installiert oder Speditionen noch nicht ausschließlich mit selbstfahrenden Systemen transportieren, ist legitim. Fakt ist: Wenn tatsächlich bereits sämtliche digitale Komponenten, die sicher, zuverlässig und rentabel sind, installiert würden, käme es binnen nur weniger Jahre zu einer historischen Beschäftigungslosigkeit. In kürzester Zeit, in nur wenigen Jahren, fielen Millionen Arbeitsplätze weg. Millionen Arbeitsstellen alleine in Deutschland dürften bereits durch den gegenwärtigen Reset obsolet werden.

Die zentrale Bedeutung dieser sich jetzt entfalteten Digitalisierung wird am Beispiel der Autoindustrie deutlich.

In der Autoindustrie wirken sowohl die Digitalisierung mit zunehmender Substituierung von Menschen in der Produktion als auch disruptive Technologien von außen. Wenn sich Carsharing vollständig durchgesetzt hat, ein Modell, das gerade zu boomen beginnt, werden schon in zehn Jahren nur noch wenige Menschen ein Auto für private Zwecke besitzen. Nachhaltiger, günstiger und bequemer ist es in den Ballungszentren schon heute, sich ein Auto für die Nutzungszeit per Smartphon freizuschalten und nur die Nutzungszeit zu bezahlen. Versicherungen, Inspektionen, Reinigung, Reparaturen, behördliche Gänge, ja sogar Tanken entfällt – und das zu unschlagbar guten Preisen und mit signifikant weniger Aufwand. Die Produktion von Autos wird einbrechen. In zehn Jahren werden ggf. nur noch 20 bis 40 Prozent der heute produzierten Automobile gebraucht.

Um die Folgen abzumildern setzt sich das Silicon Valley seht Jahren beherzt für ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ein, das so gut wie sicher kommt. Ist das der Grund, warum offensichtlich auch die Industrie längst mögliche Technologien scheinbar auf Standby hält? Dies mag der nüchternen Feststellung geschuldet sein, dass die sofortige Umsetzung dieser einsatzbereiten und zuverlässigen Möglichkeiten zu Chaos in den Gesellschaften führen dürfte. Dies ist eine berechtigte Sorge, wegen der Zukunftsforscher auch weniger dystopisch in die Zukunft blicken als beispielsweise Richard David Precht, denn:

Wenn sich die Konsumenten digitale Dienstleistungen und Produkte nicht mehr leisten können, geht der Deal nicht mehr auf.

Die Industrie will die eigenen Geschäftsmodelle am Laufen halten. Wir sehen hier auch eine gewisse Form von multiperspektivischer, teils transnational organisierter „Verantwortung“. Eine nicht orchestrierte, historische Arbeitslosigkeit würde politische Extreme stärken, ggf. zu Aufständen und Unruhen (vgl. FAZ v. 2016) führen und das bestehende globale Gleichgewicht in kurzer Zeit aus den Angeln heben können – mit unabsehbaren Folgen. Die Industrie kann nicht sicher sein, welche regulatorischen Wirkungen totalitäre Regime auf ihre eigene Zukunft hätten – ein „Deal“ mit den bewährten Regierungen erscheint logisch.

Diese Tendenz wird treibend für die regionale, nachhaltige Entwicklung sowie Purpose- und Gemeinwohl-Unternehmungen sein,

was diverse Autoren prophezeien, wie im letzten Teil von diesem und den folgenden Beiträgen näher erläutert. So, wie einst der Humanismus als positiver Begleiteffekt der ersten industriellen Revolution erwuchs, könnte sich jetzt eine ähnlich positive Entwicklung entfalten, grob: eine globale, nachhaltige Entwicklung, ganz im Sinne der Kosten/Nutzen-Rechnung seitens der Industrie.

Inwieweit globale Industrievertretungen tatsächlich durch konkrete Absprachen in den zahlreichen außerparlamentarischen Verbänden, Institutionen und Gremien eine Art von digitalem (noch) Nichtangriffspakt mit den jeweiligen Regierungen abgeschlossen haben, um Steuerung zu ermöglichen? Darüber sind in der Fachliteratur nur vage Spekulationen zu finden.

Fakt bleibt, dass sich freiwilliger Verzicht oder Vernunft und die Doktrin der kapitalistischen Weltwirtschaft generell wie zwei starke magnetische Pole abstoßen. Eine nachhaltigere globale Entwicklung wird ohne politische Vorgaben und Restriktionen kaum funktionieren, wie und von wem auch immer auf der globalen Bühne inszeniert.

Entweder alle oder keiner.

Auch Kunden der Druckbranche, entscheiden sich häufig für weniger nachhaltige Produkte, selbst, wenn diese nur etwas preisgünstiger sind. Dasselbe sehen wir bei Flügen, Lebensmitteln und in vielen anderen Bereichen. Gier ist stärker als die Vernunft.

Lösen die Folgen der Digitalisierung jetzt also einen neuen, nachhaltig und globalen orientierten Gesellschaftsvertrag aus? Ist die Coronakrise ein Startschuss für eine neue, bessere Epoche? Immer wieder werden die Digitalisierung und die Nachhaltigkeit in Zusammenhang gebracht. Wie steht es mit der nachhaltigen Entwicklung? Aktuell, rund 45 Jahre nach der Mitbegründung von Apple, startet Steve Wozniak eine neue Firma, die Umweltschutz und Blockchain-Technologie miteinander verbindet. Solche Unternehmen expandieren derzeit.

Synonym für Gutes?

Vergleichbar mit dem Zusammenbringen der Begrifflichkeiten „COVID-19“ und „Reset“ (Klaus Schwab, WEF), zeigt sich auch beim Handel mit CO2-Zertifikaten und dem Thema der Klimakompensation durch Ausgleichszahlungen schon länger der Trend einer solchen begrifflichen Erweiterung. Entsprechenden Geldtransfers werden zunehmend vom reinen Klimaargument abgekoppelt bzw. erweitert. Das CO2-Äquivalent lanciert zu einer Art Metapher für eine nachhaltigere und daneben auch sozial gerechtere globale Entwicklung. Eine Währung für eine globalgerechtere Verteilung von Wohlstand? Ein vielversprechender Ansatz.

Inmitten der Digitalisierung ist derzeit also die nachhaltige Globalisierung treibend, in die viel Kapital investiert wird. Zwei sich zunehmend verschmelzende Universen.

Abseits vom Thema Klimawandel, wird in Bezug auf die Reduzierung von Kohlenstoffdioxid (CO2) in der Wirtschaft immer häufiger z. B. auch die Endlichkeit fossiler Ressourcen erwähnt. Die müssen zudem oft im Wirkungsbereich von Despoten gefördert werden. Der Earth Overshoot-Day ist ein Anti-Nachhaltigkeitstag und datiert jährlich den Tag, an dem die Menschheit global mehr Ressourcen verbraucht hat, als erneuerbar nachwachsen. Obwohl der anthropogene Klimawandel längst nachgewiesen ist, wird die reine Fokussierung darauf, etwa wann der sog. Kipppunkt erreicht ist, durch weitere Argumente ergänzt.

Man kann argumentieren, wie man will: Die Reduzierung von CO2 ist generell ein generell guter Ansatz.

Gilt das auch für das aktuelle, zwangsweise Runterfahren großer Teile der Wirtschaften sowie die erklärte Absicht vieler Regierungen, die sog. Dekarbonisierung der Wirtschafften voranzutreiben? Die zertifizierte, also kontrolliert nachhaltige Wirtschaft leistet zwar weit mehr im Umweltschutz als Greenwasher, die das derzeitige Durcheinander nutzen, um sich mit einfachen Formeln maximal umweltgerecht zu gebärden. Ohne Zertifizierungen und Normen als gemeinsame Spielregeln, fehlen ansonsten Umweltdatenerfassung, Auditierung bzw. Re-Validierung sowie die Verpflichtung zur Transparenz. Doch durch die Freiwilligkeit zur Anwendung nachhaltiger Standards hat der Schub der wenigen Unternehmen, die sich hier klar bekannt haben, bisher nicht gereicht, um das ökologische Blatt zu wenden.

Deshalb resümiert wohl auch Klaus Schwaab in Bezug auf die Coronakrise, dass wir so oder so einen Reset erlebt hätten, der, wenn nicht wie jetzt orchestriert, später mit unabsehbaren Risiken passiert wäre. Das klingt erst einmal plausibel, trotz aller offenen Fragen.

Die bisherigen Steuerungsversuche und nachhaltigen Mechanismen waren gut, aber nicht effizient genug.

Wo geht die Reise hin, wenn die Formel ist:

Wachstum ist endlich, da Ressourcen endlich sind.

Die Doktrin des Kapitalismus ist immer noch die bedingungslose Expansion, Verdrängung und Gewinnmaximierung. Abgesehen von Gier, ist die kollektive Anwendung dieser Doktrin verantwortlich für diese zerstörerische Dynamik. Sie gleicht einer Massenhysterie. Denken wir an den Sturm auf die Rettungsboote während des Untergangs der Titanic, wo, wie im Kapitalismus, Reflexe stärker wirkten als einfache Logik.

Kollektiver Rausch, kollektiver Reset

So hat es in diesem weltwirtschaftlichen Umfeld bislang kein deutscher oder internationaler Topmanager gewagt, einen krassen Rückschritt von diesem immer mehr, schneller, größer und teurer mit allzu großem Engagement zu forcieren. Er würde schon beim Verdacht auf ein Übermaß an nachhaltiger Vernunft zulasten der Rendite von den Aktionären geteert und gefedert – und durch eine andere Personalie ersetzt, die das Ding bis zum bitteren Ende und gnadenlos betriebswirtschaftlich durchzieht. Das ist aktuell immer noch zu sehen. Auch wir Konsumenten und Kleinaktionäre sind nicht viel besser. Geht es also nur unfreiwillig und mit Restriktionen? Ausgelöst durch ein globales Ereignis? Mit künftig mehr staatlicher Restriktion?

Konzepte und Ideen, etwa wie die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals), die Charta der Vielfalt, die Energiewende und so weiter, wurden ja bereits vonseiten offizieller Stellen angeboten, allerdings von der Alpha-Industrie häufig eher statisch und mit wenig Leidenschaft adaptiert. Auch der Begriff

Corporate sustainability

verkümmerte nicht selten zu einer Pflichtübung. Begriffe und Mechanismen wie Anreizsysteme, die Integration von Nachhaltigkeit in der sog. Balanced Score Card (Aufzeichnung der nachhaltigen Strategie), Corporate Citizenship (grob: bürgerschaftliches Engagement, Mission Statement), Corporate Social Responsibility (freiwilliges, über staatliche Anforderungen hinausgehendes Engagement), Ecodesign oder auch Umweltmanagementsysteme, als Teildisziplin des sogenannten Sustainable Supply-Chain-Management (Nachhaltiges Lieferketten-Management), waren in den Schlüsselindustrien häufig eher eine Frage des Images – statische Handlungen ohne Herzblut. Die erforderliche Dynamik blieb aus.

Schub für nachhaltige Veränderungen entsteht nur durch Überzeugungen oder durch Druck von außen.

Viele Begrifflichkeiten, die eine gewollte Trendwende dokumentieren, die sich bereits über drei Jahrzehnten dahinziehet und immer wieder von der kapitalistischen Realität eingeholt wurde. Ohne staatliche Regulierungen und nur auf freiwilliger Basis kam der drängende Wechsel einfach nicht schnell genug in Gang. Eher wurden die real umweltgerecht handelnden Unternehmen häufig belächelt.

Unternehmen, die verantwortlich nachhaltig wirtschaften, müssen nicht selten draufzahlen.

Infolge dieser hässlichen Dynamik diffuser Mechanismen des unregulierten Kapitalismus, hyperventilieren viele Industriezweige weltweit bereits seit Jahren. Wie ein heiß gelaufener Automotor, der nach einem Unfall immer noch auf Hochtouren dreht. Die Szene ist gespenstisch. Immer mehr Produktionseffizienz stieß auf immer häufiger gesättigte Märkte, mit der Folge eines unübersehbaren ökologischen Supergaus in globalen Dimensionen. Am Ende wurden viele Produkte billiger und nicht teurer. Überschüssige Waren mussten raus. Immer schneller! Dieser globale Mechanismus ist die Folge dieses kapitalistischen Algorithmus in seiner bedingungslos auf Expansion fixierten Motorik.

Auch bei einer Massenpanik können die meisten Beteiligten, wie erwähnt, dafür nicht verantwortlich gemacht werden, selbst dann nicht, wenn Menschen dabei zu Tode getrampelt wurden.

Ökologie und Regulierung

Zu den Reflexen dieses Kapitalismus zählen auch die Maßnahmen der EU, seit mindestens der Krise 2008. Denken wir an die unvorstellbaren Summen, die seitens der EZB ausgeschüttet wurden, um selbst Zombie-Unternehmen am Leben zu erhalten. Auch wurden hocheffiziente Maschinen seitens der Maschinenbauunternehmen häufig vorfinanziert oder mit enormen Nachlässen verkauft, die viel zu oft von Produzenten eingesetzt wurden, um Waren noch effizienter für teils gesättigte Märkte zu produzierten. In Konsumgeräten wurden immer häufiger vorzeitige Obsoleszenzen verbaut, um die Konsumzyklen zu verkürzen – derart exzessiv, dass jetzt sogar die EU-Kommission dagegen vorgehen will.

Klaus Schwab, einer der Protagonisten der aktuellen Szene, ist sehr nahe am Geschehen und wohl auch deshalb so umstritten. In seiner Position bietet er reichlich Angriffsfläche – immerhin vernetzt er die wichtigsten Player dieser globalisierten Industrie. Nicht nur in Buchrezensionen finden sich harsche Kritiken an seinen Postulaten. Umso mehr erstaunt er im Interview mit zeit.de wegen seiner kritischen Resümees in Bezug auf den Neoliberalismus bzw. den neoliberalen Kapitalismus.

Deutet er damit vielleicht auch eine neue Epoche der Regulierung an, möglicherweise sowas wie ein Ökoregime? Ist das womöglich die letzte Chance für die Menschheit? Viele Medien haben sich mit dem Thema erstarkender Regulierungen durch Staaten beschäftigt. Die Süddeutsche Zeitung zitiert hier sogar Begriffe wie „Seuchen-Sozialismus“.

Die bisherigen Geldschwemmen jedenfalls wirkten wie die Gabe von Adrenalin und heftige Stößen mit dem Defibrillator an der Brust solcher Unternehmen, die nicht mehr existenzfähig sind. Die bisherigen Notrettungen waren nie mehr als das Aufschieben überfälliger Antworten auf drängende Fragen des 21. Jahrhunderts. Was gelingen muss, und bisher nicht im Ansatz gelang, ist

die Transformation der globalisierten Wirtschaft in Einklang mit der Umwelt, insbesondere vor dem Hintergrund der Digitalisierung!

Durch aktuell massiven Investitionen in die nachhaltige Wirtschaft, entwickeln sich, so sehen es viele Experten, per se neue Gesellschaftsmodelle in Koexistenz mit der digitalen Wirtschaft. Die Zukunft wird auch von Verzicht geprägt sein, wie von mir schon im Januar 2020 beschrieben. Wenn dies tatsächlich ein historischer Umbruch mit der „transformatorischen Wucht“ eines Weltkriegs ist, so, wie Schwab es formuliert, steht uns noch einiges bevor.

Dieser allseits vermuteter Reset wird also wohl nur gelingen, wenn er global passiert und angemessen fundamental ausfällt. So fundamental wie die Veränderungen, die jetzt durch die Digitalisierung auf die Menschheit zukommen.

Sehr wahrscheinlich ist die Spitze des Umbruchs noch nicht erreicht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht wohl auch deshalb aktuell gerade nicht davon, dass wir über dem Berg sind, sondern nur von „einem großen Stück“ des Weges – und formuliert mit Bedacht abstrakt.

Nachhaltigkeit: Purpose und Gemeinwohl

Alternative wirtschaftliche Denkmuster sind nicht nur ein Trend. Etwa das Prinzip der Gemeinwohlökonomie ist längt ein etablierter Begriff. Quer durch alle Branchen etablieren sich nachhaltige Unternehmen, mit tragfähigen Konzepten. So, wie kleine Bäumchen, die sich unaufhaltsam ihren Weg durch den Asphalt einer Schnellstraße brechen. Eine Straße, die gerade eben noch die Zentren der belebten Metropole einer vergangenen Epoche verbunden hat, „damals“ im großen Zeitalter des Humanismus, der als Folge der ersten Industrierevolution entstand.

Gemeinwohl, Nachhaltigkeit, der Geist von Purpose: Dieser Boom verzahnt sich mit kapitalistischen Investoren, die sich, nicht uneigennützig, ein Stück weit der eigenen Zukunft damit sichern. Bild von ar130405 auf Pixabay

Die Folgen eines möglichen Resets,

  • die Abkühlung der heiß gelaufenen Weltwirtschaft und
  • Unternehmen, die nach Sinn- und Zweck bei ihren Unternehmungen suchen,

bewegen sich derzeit parallel zum neoliberalen Kapitalismus. Denken wir an die Technologieunternehmen, die jetzt gerade richtig gute Geschäfte machen.
Paradox: Das Geld für alternative, nachhaltigere Wirtschaftsmodelle kommt nicht selten gerade aus dieser Sphäre kapitalistischer Technologiekonzerne. Aus dieser Ecke werden, neben der Forderung für ein bedingungsloses Grundeinkommen, offensichtlich also auch Geschäftsmodelle forciert, die vielleicht rein betriebswirtschaftlich nicht derart exzessiv, dafür aber nachhaltig orientiert sind und sichere Arbeitsplätze für Menschen schaffen. Die bleiben somit schließlich auch als potenzielle Kunden erhalten.

Inmitten dieser Krisenlage keimt eine Ideologie des vernünftigen Wirtschaftens im Einklang mit der Natur und den Menschen auf – zum ersten Mal mit großer Investitionsbereitschaft und der erforderlichen Leidenschaft seitens der Macher:

Purpose, Nachhaltigkeit, Gemeinwohl und andere Begrifflichkeiten werden inmitten des Resets, den die Coronakrise auslöst, erstmals wertgeschätzt.

Digitales Königreich

Wie sich die großen Konzerne orientieren und verhalten, ist eine der großen Fragen dieser Zeit. Am wahrscheinlichsten ist die Variante der Koexistenz mit immer mehr nachhaltig geprägten Purpose- und Gemeinwohlunternehmen. Doch wer kann das globale Treiben derzeit schon vollständig überblicken?

Die Ideologie des Teilens und die Suche nach dem Sinn und Zweck verzahnen sich wohl ein Stück weit mit dem globalisierten, neoliberalen Kapitalismus, der wohl vom Prinzip der Gewinnmaximierung getrieben bleibt. Viele Experten vermuten, dass beide Modelle auf regionaler Ebene nicht ewig nebeneinander existieren können: Tendenziell verkleinert sich der klassische, kapitalistische, nicht nachhaltig orientierte Mittelstand. Auch wird prognostiziert, dass sich innerhalb der Kernübergangszeit von rund zehn Jahren eine Spitzengruppe gut vernetzter und global aktiver Konzerne festigt.

Er war sehr arm – er hatte nur Geld (chin. Sprichwort)

So oder so wird schon jetzt deutlich, dass Nachhaltigkeit und Gemeinwohl keine Spinnereien mehr sind, da sich Geld als alleiniges Wertmittel relativiert. Strafzinsen, die historischen Geldschwemmen, bedingungslose Grundeinkommen, Kryptowährungen, der E-Euro etc. deuten das an und „entwerten“ schon jetzt viele KMU.

Zeitgenössische Autoren beschreiben mit großer Übereinstimmung wesentliche Leitplanken der künftigen Entwicklungen, etwa:

  • Umwelt und nachhaltige Entwicklung: Es wird einen globalen Preis für Kohlenstoffdioxid geben. Dekarbonisierung der Wirtschaft, globaler Preis für den Verbrauch fossiler Brennstoffe und Umstellung der Wirtschaftsweise hin zu einem niedrigeren Umsatzes von CO2, mit dem Ziel einer kohlenstofffreien (postfossilen) Wirtschaft. Das kann auch als Transfer reicher an ärmere Länder interpretiert werden, als Bemühung, eine nachhaltigere und sozial gerechtere Welt zu strukturieren.
  • Kapital: Besteuerung von Vermögen, nach bereits abgeschaffter Zinsen, als eine der wohl interessantesten Prognosen, so auch von Klaus Schwab.
  • Neuverteilung von Besitz: Sharing statt Eigentum, in vielen wichtigen Bereichen.
  • Soziale Gerechtigkeit: Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE).
  • Arbeit und Wirtschaft: Zurück zur Regionalisierung. Mehr staatliche Steuerung. Deutlich stärkere Fokussierung auf Nachhaltigkeit und Gemeinwohl. Sukzessive Entkoppelung von der maximalen Gewinnmaximierung.
  • Migration: Klima- und wirtschaftsbedingt werden sich eine Milliarde Menschen in den kommenden 20 Jahren räumlich verändern. Neben dem Klima- und Umweltschutz wird Migration ein zentrales Thema.
  • Digitalisierung: Rasanter Fortschritt bei der Digitalisierung in allen Bereichen, u. a. in der Medizin, z. B. Organe für Transplantationen, die immer häufiger gedruckt werden, KI, mit bislang unvorstellbaren taktilen, sensitiven und emotionalen Fähigkeiten. Selbstlernende Systeme (Deep-Learning) etc.
  • Weltmacht: Die USA werden sich den Führungsanspruch auf der Welt mit China teilen. Die heute 20 wertvollsten IT-Technologieunternehmen z.B. finden sich ausschließlich in den USA oder China.
  • Sonstiges: Etwa gezüchtetes Fleisch bzw. Organe aus dem Drucker (Schwab, u. a.).

Als Querschnitt ergibt sich aus den Prognosen und Studien die Gleichung, dass uns besonders die Digitalisierung genau jetzt zum Handeln zwingt. So wie einst der Humanismus, entwickelt sich jetzt mit der Digitalisierung vielleicht eine ähnlich positive Dynamik bei der Neuausrichtung der Gesellschaft.

Staaten werden noch stärker mit transnationalen Organisationen, Institutionen und Gruppierungen verschmelzen. Es besteht bereits seit Jahrzehnten ein quirliges, kaum zu überblickendes, internationales Netzwerk. Die globalisierte Wirtschaft und Regierungen rücken weiter zusammen. Das Engagement von Bill Gates in der WHO ist umstritten, zeigt uns aber, wie diese Ebenen bereits verschmolzen sind. Lobbyismus wird in dem Zusammenhang häufig kritisiert, doch es gibt auch wirkungsvolle Umwelt- oder Soziallobbys. Die Frage ist jetzt nur, ob die Industrie künftig mit der erforderlichen Verantwortung handelt.

Bisherige, auf physische und territoriale Bereiche (Staaten) beschränkte Regierungen gibt es schon jetzt weniger, als häufig vermutet.

Das Internet ist mittlerweile der Raum, in dem sich das Leben der meisten von uns bereits zu einem erheblichen Teil abspielt.

Dieser digitale Überraum wird bereits von einigen Hundert digitalen Konzernen beherrscht und reguliert. Precht bezeichnet das sehr skeptisch als „technokratisch-plutokratische System“. Wirklich neu ist die Einflussnahme der Industrie auf die Politik jedoch nicht. Neu ist allerdings ebendiese Macht in den Händen von Technologieunternehmen.

In älterer Fachliteratur werden Staatsformen wie Sozialismus, Kapitalismus oder Kommunismus oft vergleichend herangezogen. Doch ohne die wesentliche Komponente der Digitalisierung sind derartige Vergleiche mit der Gegenwart kaum nützlich.

Der Ressourcenverbrauch ist an seine Grenzen gestoßen. Arbeitsplätze fallen massenweise weg. Die Digitalisierung wird zum entscheidenden Faktor für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Kapitalistische und völlig neue Wirtschaftsformen werden sich verzahnen. Bild: GPG

Purpose, Gemeinwohl, nachhaltige Globalisierung, Steuerung

Im Fazit sehen viele Experten und Autoren trotzdem eher optimistisch in die Zukunft. Es wird Gewinner und Verlierer geben.

Treibend für Investitionen in Purpose-Unternehmen seitens der Industrie könnte die nicht uneigennützige Absicht sein, langfristige und gut bezahlte Jobs zu schaffen, die Umwelt zu schonen und somit den Return-on-Invest auf indirektem Wege wieder einzufahren – wenn auch nicht derart exzessiv wie bisher.

Auch der Humanismus hat der Industrie mehr und mehr Zugeständnisse abgerungen.

Im nächsten Teil schauen wir uns konkreter die Profile solcher Unternehmen an und beschreiben Geschäftsmodelle, Macher, Ziele und Perspektiven. Solche Unternehmen sind unbestritten gut für die Zukunft gerüstet – sie schaffen und garantieren sichere, fair bezahlt Jobs, handeln sozialgerecht und sind oft sogar zertifiziert nachhaltig, etwa wie Druckereien der UmDEX-Klasse. Viele deuten solchen Unternehmen als Lichtblicke am Ende des Tunnels (Rest) und sehen in ihnen eine Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

(Weitere Beiträge ab KW 01/2021).

  • Purpose! Nachhaltig, Gemeinwohl, Verantwortungsunternehmen, Sharing.
  • Die Bessermacher: Köpfe und Unternehmungen.

1 Kommentar

  1. S. o.

    Sensationeller Artikel, dem ich 100% zustimme!
    Diese Transformation muss zeitnah erfolgen, sonst wird der Markt weiterhin nur künstlich am Leben gehalten!!!
    Es verkaufen sich schon seit Jahren Wertschöpfende Firmen unter Wert, um an Liquidität zu kommen, in der Hoffnung am Leben zu bleiben…. Diese müssen verschwinden!

    Mit freundlichen Grüßen

    Von einem Unternehmer aus der verarbeitenden Metallindustrie.

    Antworten

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Jürgen Zietlow

Jürgen Zietlow

Autor, Blogger, Fachtexter

Autor, Fachjournalist, Blogger, Umwelt-Lobbyist | 2005 bis 2017 Chefredakteur des Fachmagazins MEDIEN | seit 2010 Unternehmensberater für nachhaltige Kommunikation, Social Monitoring und Social Media | Entwickler der LineCore-Methode® (Recherche- und Redaktionssystem).

Fokus

Industrie 4.5
Institutionelle Bemühungen im Umweltschutz gehen häufig in einer nörgelnden Grundhaltung unter. Ändert sich doch eh nix? Menschen, die sich überfordert oder abgehängt fühlen, suchen Schutz im gewohnten Gestern. Poesie. Blicken wir auf heute und morgen. Die Welt ist bis in die kleinste Region der Welt hinein digital und global. UmDEX-Druckereien sind schon heute Teil dieser Zukunft.  
Vielfalt der Nachhaltigen Medienproduktion
Nachhaltig orientierte Drucksacheneinkäufer suchen oft nach drei Kriterien, wenn ihre Drucksache ökologisch produziert werden soll: Recyclingpapier, Klimaneutralität und Ökostrom. Die wenigsten Kunden wissen, dass diese drei Kriterien nur einen Teil dessen ausmachen, was unter ernsthafter nachhaltiger Medienproduktion zu verstehen ist.
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  1. S. o.

    Sensationeller Artikel, dem ich 100% zustimme!
    Diese Transformation muss zeitnah erfolgen, sonst wird der Markt weiterhin nur künstlich am Leben gehalten!!!
    Es verkaufen sich schon seit Jahren Wertschöpfende Firmen unter Wert, um an Liquidität zu kommen, in der Hoffnung am Leben zu bleiben…. Diese müssen verschwinden!

    Mit freundlichen Grüßen

    Von einem Unternehmer aus der verarbeitenden Metallindustrie.

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