Gemeinwohlökonomie
Gemeinwohl-Ökonomie – ein Gegenentwurf zur neoliberalen Ethik der Gewinnmaximierung

Befeuert durch die Corona-Krise, hat sich in den letzten Monaten wieder einmal bestätigt, wie sehr neoliberale Wirtschaftsformen eine massive Bedrohung für das Gemeinwesen und die Demokratie darstellen. In Zeiten der Prosperität verschwinden Steuern in Offshore-Oasen, während des Lockdowns wird der Steuerzahler auf Jahrzehnte hinaus geschröpft.

von | August 2020 | Allgemein | 0 Kommentare

Bild von Stefan Keller auf Pixabay.

​Die fortschreitende Verselbstständigung der internationalen Kapitalmärkte, verflochten mit der skrupellosen Attitüde vieler Kapitaleigner und globaler Unternehmen, politische Beschlüsse dominieren zu wollen oder sie schlichtweg zu ignorieren, beweist einmal mehr, wie hilflos demokratische Gemeinwesen dieser Bedrohung ausgesetzt sind.

Meldungen über tier- und menschenunwürdige Zustände in Großschlachtereien wie Tönnies, verschwundene oder nicht existente Milliarden bei Wirecard bestimmten in letzter Zeit die Medienlandschaft, als ob es solche und ähnliche Vorfälle nicht schon seit vielen Jahren gäbe. Steuergelder verschwinden in Offshore-Oasen, Werkarbeiter werden wie Sklaven beschäftigt und untergebracht, Kundenbetrug in der Automobilindustrie, Kaputtsanierung des Gesundheitswesens, Mehrwerthinterziehung mit Hilfe von Banken, Cum-Ex-Geschäfte – die Liste all dieser Skandale wäre seitenfüllend.

Wertschöpfung für Wenige – Schulden für Alle

Allen gemeinsam ist Eines: Sie sind Ausdruck einer perversen Ethik der Gewinnmaximierung um jeden Preis. Sie schädigen auf eklatante Weise das Gemeinwesen. Die enorme Wertschöpfung aus diesen, zum größten Teil illegalen, – im Falle Wirecard sogar verbrecherbandenmäßigen – unternehmerischen Aktivitäten, vermehrt ausschließlich das Vermögen von Aktionären oder privaten wie globalen Unternehmen. Die aus diesen Machenschaften resultierenden finanziellen Schäden trägt jedoch die Allgemeinheit. Immer öfter offenbart sich zudem, dass die politischen Verfechter solcher, einseitig auf kurzfristigen Maximalgewinn ausgelegter Wirtschaftskonzepte, gezwungen sind, auf lokaler wie auf globaler Ebene eng mit den einflussreichen Lobbyisten der Unternehmen zusammenzuarbeiten – zum Schaden des gesellschaftlichen Gemeinwohls.

Auch haben viele politische Bestrebungen der Vergangenheit gezeigt, dass sie langfristig fast immer am Mangel eines ethischen Grundkonzepts für wirtschaftliches und soziales Zusammenleben gescheitert sind. Daher nimmt es nicht Wunder, dass – vor allem von außerparlamentarischen sozialen  Bewegungen – nach neuen Wegen gesucht wird, um eine Verbindung zwischen unternehmerischem Handeln und einer Wertschöpfung für die Gesellschaft herzustellen. Mittlerweile werden, beschleunigt durch den Druck der Zivilgesellschaft, über alle wirtschaftspolitischen Lager hinweg Leitkonzepte diskutiert, die diese Verbindung gewährleisten können. Dabei wird auch immer klarer, dass politische Beschränkungen oder Verbote letztlich nur die strukturelle und meist illegale Manipulation solcher Maßnahmen fördern.

Eigentum verpflichtet – so steht es im Artikel 14 des Grundgesetzes. Und im Absatz 2 dieses Artikels wird auch erklärt, worin diese Verpflichtung besteht: Dem Allgemeinwohl zu dienen.

Doch in den siebzig Jahren seit der Verabschiedung des Grundgesetzes wurde diese Verpflichtung ständig ignoriert. Die Zerstörung der Lebensgrundlagen durch individuelle wie auch globale Profitinteressen ist mittlerweile manifest: Steigende Arbeitslosigkeit, Prekäre Arbeitsverhältnisse, Kinderarbeit in Drittweltländern, Klimaerwärmung, Verlust von Habitaten für Tier und Mensch, Umweltverschmutzung und Ressourcenzerstörung.

Gerade die Corona-Krise offenbart, dass die Auswirkungen des globalen Turbokapitalismus die Entwicklung einer fairen Weltgemeinschaft dauerhaft zunichtemachen wird, wenn sich nicht jetzt und heute die Ethik des ökonomischen, ökologischen und sozialen Zusammenlebens nachhaltig verändert.

Die 17 Entwicklungsziele der UNO – eine Basis des Gemeinwohls

Schon Ende September 2015 wurden von den UNO-Mitgliedstaaten 17 nachhaltige Entwicklungsziele (SDGs) verabschiedet, die unseren Planeten bis 2030 lebenswerter machen sollen. Diese Ziele fordern generell die Beendigung von Armut überall auf der Welt sowie die Bekämpfung von Hunger und der Zugang zu sauberem Wasser für alle. Um diese Ziele zu erreichen soll ein ganzheitlicherer Ansatz verfolgt werden. Dazu gehören auch Infrastruktur, Partnerschaften von Unternehmen und Staaten, Geschlechtergerechtigkeit, Klimaschutz, die Konservierung der Ozeane, Frieden und Sicherheit, nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion, die Reduzierung von Ungleichheit. Zusätzlich sollen alle Kinder weltweit Zugang zu einer kostenlosen Grundschulausbildung erhalten und die Benachteiligung von Frauen und Mädchen soll bekämpft werden.

Ob die Umsetzung dieser globalen Ziele allein auf staatlicher Basis durch Verordnungen oder gesetzliche Vorschriften geschehen kann, ist fraglich, betrachtet man die bisherigen Erfolge der Bestrebungen. Ohne einen gesamtgesellschaftlichen ethischen Grundkonsens auf lokaler, regionaler und globaler Ebene wird dies wohl kaum funktionieren. Unternehmen, die sich den 17 Entwicklungszielen der UNO verpflichtet fühlen, stehen daher vor der nicht leichten Aufgabe, diese Forderungen in die inner-wie außerbetriebliche Unternehmenskultur einzubinden. Doch seit einigen Jahren gibt es hierfür ein passendes Werkzeug, das die Umsetzung dieser ethischen Ziele ermöglicht.

Gemeinwohl-Ökonomie – ein ethisches Wirtschaftssystem

Gemeinwohl-Ökonomie bezeichnet ein Wirtschaftssystem, das auf gemeinwohlfördernden Werten wie Fairness, Nachhaltigkeit und Basisdemokratie aufbaut. Damit wird die Gemeinwohl-Ökonomie zu einem Veränderungshebel auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene – eine Brücke von Altem zu Neuem. Anders als bei vielen Zertifizierungssystemen, sind die Kriterien und Anforderungen nicht von außen entwickelt worden sondern von den Beteiligten selbst. Als zivile Bewegung wurde sie maßgeblich von einzelnen Unternehmen mitgetragen.

Auf wirtschaftlicher Ebene ist sie eine konkret umsetzbare Alternative für Unternehmen. Der Zweck des Wirtschaftens und die Bewertung von Unternehmenserfolg werden anhand bestimmter Gemeinwohl-orientierter Werte definiert. Der Wirtschaftserfolg eines Unternehmens soll nicht mehr an der Kapitalrendite externer Kapitalgeber gemessen werden, was letztlich den Zwang zum Wirtschaftswachstum fördert, sondern an der ethischen Ausrichtung nach innen und außen.

Auf politischer Ebene fordert die Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie rechtliche Veränderungen: Steuervorteile, Verbesserung von Kreditkonditionen, vorrangige Berücksichtigung bei der öffentlichen Auftragsvergabe sowie die Unterstützung bei internationalen Handelsgeschäften bilanzierter Unternehmen. Ziel des Engagements ist ein gutes Leben für alle Lebewesen und den Planeten, unterstützt durch ein am Gemeinwohl-orientiertes Wirtschaftssystem. Menschenwürde, globale Fairness und Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung sind dabei wesentliche Elemente.

Auf gesellschaftlicher Ebene ist die Bewegung für eine Gemeinwohl-Ökonomie eine Initiative der Bewusstseinsbildung für Systemwandel, die auf dem gemeinsamen, wertschätzenden Tun möglichst vieler Menschen beruht. Die Bewegung gibt Hoffnung und Mut und sucht die Vernetzung und Befruchtung mit anderen alternativen Initiativen.

Übersicht der Gemeinwohl-Ökonomie – Matrix, Bildquelle: GWÖ

Ein Unternehmen, das sich den Werten der Gemeinwohl-Ökonomie verpflichtet, bilanziert mit Hilfe einer Bewertungsmatrix – zusätzlich zu seiner Umweltleistung – auch demokratische und menschenwürdige Strukturen im Betrieb und veröffentlicht das Verhältnis der Einkommensstruktur zwischen Eigentümern, Geschäftsführern, Angestellten und allen weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Dabei werden innerbetriebliche Standards wie Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz, Mitentscheidung und Einkommensspreizung eingeführt. Außerdem wird von den jeweiligen Lieferanten und Dienstleistern des Unternehmens gefordert, durch Selbstauskunft entsprechende Nachweise zu den Werten Menschenwürde, Lohnstruktur, Solidarität, Transparenz und Mitentscheidung zu erbringen. Die endgültige  Bilanzierung erfolgt durch unabhängige Gutachter.

Mittlerweile unterstützen mehr als 2.000 Unternehmen dieses Modell ethischen Wirtschaftens, rund 400 sind Mitglied oder haben bereits eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt.

Einige namhafte Firmen, die sich als „Bilanzierendes Unternehmen“ der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) verpflichtet haben, wie zum Beispiel der Ökostrom-Anbieter Polarstern, der Bio-Anbauverband Bioland, der Outdoor-Ausrüster Vaude, die Krankenkasse BKK Provita, der Hersteller veganer Trinkflaschen Soulbottles oder die Sparda-Bank, wollen wir hier kurz portraitieren.

Pioniere der Gemeinwohl-Ökonomie

VAUDE

Als modernes Familien-Unternehmen und Europas umweltfreundlicher Outdoor-Ausrüster nimmt VAUDE seine Verantwortung für Mensch und Natur sehr ernst. 2001 ist der strenge Umweltstandard bluesign® eingeführt worden, womit die gesamte textile Wertschöpfungskette kontrolliert werden kann.

Außerdem ist VAUDE als erstes Outdoor-Unternehmen nach EMAS-zertifiziert, damit auch in Zukunft die betrieblichen Umweltleistungen systematisch verbessert werden können. Zusätzlich hat sich VAUDE der Gemeinwohl-Ökonomie verpflichtet und 2017 schon die zweite Gemeinwohl-Bilanz veröffentlicht.

Die Unternehmensphilosophie orientiert sich daher, neben dem Thema Nachhaltigkeit, auch konsequent an seiner gesellschaftlichen Verantwortung durch die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region, durch gute Kooperation mit NGOs und durch das eigene politische Engagement des Unternehmens. So wurde 2018 die Initiative „Bleiberecht durch Arbeit“, gegründet, um dadurch ein langfristiges Engagement in der Flüchtlingshilfe zu gewährleisten.

Als Arbeitgeber unterstützt VAUDE seine Mitarbeiter am Firmenstandort bei der Vereinbarung von Beruf, Familie und Privatleben. So bietet VAUDE eine betriebseigene Kinderbetreuung in Kooperation mit der Stadt Tettnang, flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeitlösungen und Home-Office-Möglichkeiten. All dies trägt dazu bei, dass sich Frauen trotz Familie beruflich entfalten und Karriere machen können: Rund 40 Prozent der Führungskräfte bei VAUDE sind weiblich.

Zahlreiche Auszeichnungen bestärken das Unternehmen in seiner nachhaltigen Ausrichtung. So wurde VAUDE 2015 von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis zu „Deutschlands nachhaltigster Marke“ gekürt. VAUDE wächst seit Jahren erfolgreich und zeigt damit, dass es sich auch ökonomisch lohnt, in Balance mit ökologischen und sozialen Faktoren zu wirtschaften.

Soulbottles

Im August 2012 wurde, mit Hilfe eines privaten Investments und einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne, von zwei ehemaligen Studenten in Berlin die soulproducts GmbH gegeründet. Ein Jahr später rollten dann die ersten maschinell produzierten veganen und wunderbar designten soulbottles aus Glas vom Band.

Pro verkaufter soulbottle spendet das Unternehmen 1 Euro an die Hamburger NGO Viva con Agua, die gemeinsam mit der „Welthungerhilfe“ Trinkwasserprojekte in über 16 Ländern realisiert. Bis zum Frühjahr 2020 hat soulbottles nach eigenen Angaben fast 1 Million Euro an Viva con Agua de Sankt Pauli e.V. gespendet. Das Unternehmen sorgt zudem für eine CO2-neutrale Produktion. Die Flaschen werden zu 100 % in Deutschland hergestellt und bedruckt.

Seit Februar 2020 ist soulbottles offizielles Unternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie. Durch die Mitgliedschaft und Bilanzierung setzt es ein klares Zeichen für die schon seit der Gründung konsequent verfolgte ethische Philosophie des Unternehmens: Das Wohl von Mensch und Umwelt soll zum obersten Ziel des Wirtschaftens werden.

BKK Provita

BKK Provita ist eine gesetzliche Krankenkasse und versichert als solche jeden Arbeitnehmer.

Die BKK Provita ist die erste Krankenkasse überhaupt, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt hat. Damit möchte die BKK Provita einen Anstoß geben, das Handeln Einzelner, aber auch von Gruppen und Institutionen, verstärkt am Gemeinwohl auszurichten.

Die BKK Provita arbeitet mit Ökostrom, hat ein nachhaltiges Beschaffungswesen organisiert und wurde als „erste klimaneutrale Krankenkasse“ ausgezeichnet.

Im Gegensatz zu anderen gesetzlichen Krankenkassen, erhalten gesetzlich Krankenversicherte bei Pro VIta auch Leistungen der alternativen Medizin, etwa aus der Homöopathie oder Osteopathie. BKK Provita fördert pflanzliche Ernährung auf verschiedene Weise, etwa durch Aufklärung, Zuschüsse bei einer veganen Auszeit oder durch Informationen, wie eine Liste „veggiefreundlicher“ Ärzte.

Polarstern

Polarstern ist der erste Energieversorger Deutschlands, der eine Gemeinwohl-Bilanz vorgelegt hat. 2014 wurde die gesamte unternehmerische Tätigkeit in einem speziellen Bilanzierungsverfahren auf den Prüfstand gestellt. Polarstern wählte hierfür ein Peer-to-Peer-Verfahren, bei dem es sich unterem anderem mit dem Impact Hub München und dem Kartoffelkombinat gegenseitig kritisch durchleuchtete.

Polarstern ist mit dem Anspruch angetreten, der Energie ihren Wert zurückzugeben. Wir grenzen uns bewusst von der teilweise verbreiteten Ansicht ab, Ökostrom sei unendlich verfügbar. Auch Ökostrom verbraucht in seiner Erzeugung Ressourcen.

Polarstern bietet Ökostrom aus 100 Prozent deutscher Wasserkraft und Ökogas aus 100 Prozent organischen Reststoffen an. Den Ökostrom bezieht das Unternehmen von einem regionalen Wasserkraftwerk in Ostbayern, dem Wasserkraftwerk Feldkirchen am Inn. Zusätzlich zum Standard-Stromtarif werden Spezialtarife angeboten, zum Beispiel einen Elektromobilitäts-Tarif oder einen Wärmepumpen-Tarif.

Mit dem Produkt „Wirklich Mieterstrom“ ermöglicht es Polarstern, dezentral erzeugten Strom in Mietshäusern und Wohnvierteln verstärkt nutzbar zu machen. Dazu wird meist eine PV-Anlage auf dem Dach und bei Bedarf ein Blockheizkraftwerk im Keller des Wohnhauses installiert, wenn möglich auch in Kombination mit einem Batterie-speicher.

Die erzeugte Energie kann direkt von den Mietern genutzt werden. Daraus resultieren Vorteile für Mieter und Vermieter, die das Modell attraktiv machen und so eine dezentrale Energiewende fördern.

Das Ökogas wird aus Resten der Zuckerrübenverarbeitung in Kaposvár in Ungarn gewonnen und ist das bisher nachhaltigste Gasprodukt im Wärmemarkt.

Zertifiziert sind „Wirklich Ökostrom“ und „Wirklich Ökogas“ von Polarstern durch den TÜV Nord und das Grüner Strom Label; empfohlen unter anderem von der Verbraucherplattform EcoTopTen des Öko-Instituts und der Umweltorganisation Robin Wood.

Bioland

Bioland ist der größte ökologische Anbauverband in Deutschland. Der Verband setzt sich für die Förderung und Weiterentwicklung des Bio-Landbaus ein und zertifiziert Tausende Bio-Produkte.

Bioland hat 2015 als erster landwirtschaftlicher Verband eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt.

Die Bioland-Marke ist seit 1978 als Warenzeichen eingetragen. Mit über 7.700 Erzeuger-Betrieben – Landwirte, Gärtner, Imker und Winzer – und über 1.100 Partnern aus Herstellung und Handel – beispielsweise Bäckereien, Molkereien, Metzgereien und Gastronomie – ist Bioland in Deutschland der führende Bio-Anbauverband. Das wichtigste Ziel von Bioland ist es, den organisch-biologischen Landbau umzusetzen, zu fördern und zu verbreiten.

Im Gegensatz zu den beiden anderen großen Bio-Anbauverbänden, Naturland und Demeter, legt Bioland viel Wert auf Regionalität: Nur Erzeugerbetriebe in Deutschland und Südtirol werden mit dem Siegel ausgezeichnet

Sparda-Bank

Im November 2018 erstellte die Sparda-Bank München e.G. ihre mittlerweile fünfte Gemeinwohl-Bilanz nach der Matrix 5.0. Sie ist damit ein Pionier der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung und die einzige Bank Deutschlands, die sich diesem Wirtschaftssystem verpflichtet hat.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen,  einer der Gründer der Genossenschaftsbewegung, hat gesagt: „Geld ist indes nicht Zweck, sondern Mittel zum Zweck.

Helmut Lind, der Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München eG, ist Botschafter für die Gemeinwohl-Ökonomie. Zusätzlich engagiert sich das Unternehmen regelmäßig im Rahmen verschiedener Vortragsveranstaltungen und Podiums-diskussionen, um die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie als wichtigen Beitrag für den notwendigen ökologischen und sozio-ökonomischen Wandel voranzubringen

Als gemeinwohlorientierte Bank legt das Unternehmen großen Wert auf einen achtsamen Umgang mit der Umwelt und arbeitet seit 2015 klimaneutral. Seither wurde für jedes neue Mitglied der Genossenschaftsbank ein Baum in Geschäftsgebiet Oberbayern gepflanzt. Ergänzt durch weitere Aktionen konnten mittlerweile knapp 88.000 Bäume in der Region Wurzeln schlagen, darunter Eichen, Buchen, Tannen, Hainbuchen, Wildkirschen und Wildbirnen.

Die vorgestellten Unternehmen machen deutlich, dass die Ethik einer am Gemeinwohl orientierten nachhaltigen Wirtschaftsweise umsetzbar ist.

Doch es braucht Mut, sich in diesem Kontext zu outen. Denn noch immer protegieren fast alle politischen Systeme weltweit zu allererst Gewinnmaximierung und Wachstum – auch in Deutschland. Egal ob gemeinwohlbilanzierte oder zertifizierte nachhaltig wirtschaftende Unternehmen, wie unsere UmDEX-Druckereien: Ihre Bemühungen für eine andere Ethik des Wirtschaften werden von der Politik so gut wie nicht unterstützt  – im Gegensatz zur Auto- oder Flugzeugindustrie, denen der Staat ohne Zögern Milliarden an Zuschüssen gewährt.

Interview mit Harro Colshorn, Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie

Um dieses spannende Thema weiter zu vertiefen, haben wir Harro Colshorn, Biogärtner und einer der Initiatoren der deutschen Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung, um ein Interview gebeten. Wir freuen uns sehr, dass er sich, trotz der sommerlichen Arbeitsbelastung in seiner Gärtnerei, zu einem Interview bereit erklärt hat.

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Harro Colshorn – Vorstandsvorsitzender der GWÖ Bayern e.V. Bildquelle GWÖ Bayern e.V.

Guido Rochus Schmidt: Herr Colshorn, Sie waren ja die treibende Kraft bei der Entstehung der deutschen Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung. Als Vorstandsvorsitzender der Gemeinwohl-Ökonomie Bayern e.V. haben Sie mit Ihrer Biogärtnerei als Pionierunternehmen schon 2011 die erste Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Was müssen Unternehmen als erstes konkret tun, um sich bilanzieren zu lassen?

Harro Colshorn: Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ja eine Initiative von Unternehmern und Unternehmerinnen gewesen. Sie wollten ihren Gestaltungsspielraum nutzen, um ethisch vertretbar, sozial gerecht und ökologisch nachhaltig zu wirtschaften. Das beginnt mit einer Bestandsaufnahme, der Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz.

Interessierte Unternehmerinnen und Unternehmer sollten sich deshalb zunächst die Frage stellen: Möchte ich mein Unternehmen in diese Richtung – ethisch, sozial und ökologisch weiterentwickeln? Dazu kann ein Schnelltest hilfreich sein, bei dem grundsätzliche Fragen zu beantworten sind, wie etwa die Einhaltung der Menschenwürde in der Lieferkette, dem ethischen Umgang mit Geldmitteln, der Menschenwürde am Arbeitsplatz, der ökologischen Auswirkungen der angebotenen Produkte und Dienstleistungen und vielen weiteren Themen aus dem unternehmerischen Alltag.

Die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz ist dann ein aufwändigerer Prozess, für den entweder Beraterinnen und Berater zur Verfügung stehen oder der gemeinsam mit anderen Unternehmen in einer sogenannten Peergroup ablaufen kann. Gerade dieser gemeinsame Weg mit Kolleginnen und Kollegen ist oftmals sehr kreativ.

Am besten wendet man sich an eine unserer Geschäftsstellen oder eine unserer Regionalgruppen, die hier weiterhelfen können. Alle Infos und Arbeitsmaterialien finden sich auf der Website: https://bayern.ecogood.org/aktiv-werden/mitgliedschaft/

Guido Rochus Schmidt: Die Grundlage einer Bilanzierung ist ja die umfangreiche Gemeinwohl-Matrix, an deren Kriterien Sie maßgeblich mitgewirkt haben. Wie viele Unternehmen unterstützen denn mittlerweile die Gemeinwohl-Ökonomie, und wie viele sind schon bilanziert?

Harro Colshorn: Die Gemeinwohl-Bilanz kann mit einem Audit abgeschlossen werden. Das haben meines Wissens inzwischen ca. 600 Unternehmen gemacht, davon 65 aus Bayern. Viele schließen ihre gemeinsam in einer Gruppe erstellte Bilanz auch mit einer sogenannten Peer-Evaluierung ab. Deren Zahl ist uns nicht bekannt. Allein im bayerischen Verein sind ca. 160 Unternehmen privater und öffentlicher Art Mitglied.

Guido Rochus Schmidt: In der Zivilgesellschaft hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr ein Bewusstsein für nachhaltige Lebensentwürfe entwickelt. Junge Start-ups propagieren ganz unkonventionell gemeinschaftliche hierarchiefreie Betriebsstrukturen. Wie verortet sich die Gemeinwohl-Ökonomie innerhalb dieser neuen unabhängig entstandenen Ansätze der Unternehmenskultur?

Harro Colshorn: Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Aber über die ethische, soziale und ökologische Ausrichtung ist damit noch nichts gesagt, ebenso wenig darüber, ob und wie diese Aspekte praktiziert werden. Das wissen auch viele dieser Start-Ups, weshalb sie in Erwägung ziehen, mittels einer Gemeinwohl-Bilanzierung genauere und belastbare Erkenntnisse zu gewinnen und auch an die Öffentlichkeit bringen. Hier soll die Beschäftigung mit der Gemeinwohl-Bilanz helfen, genauere und belastbare Erkenntnisse für die Unternehmen selbst zu liefern, aber auch an die Öffentlichkeit zu kommunizieren. Unter unseren Mitgliedsunternehmen ist der Anteil von Start-ups sehr hoch.

Guido Rochus Schmidt: Welche Gestaltungsspielräume können Unternehmen schon heute nutzen, um zu einem Wandel in der Wirtschaft beizutragen?

Harro Colshorn: Auf jeden Fall mehr als sie selbst zunächst vermuten. Das zeigt sich ja daran, wie unterschiedlich ökologisch und sozial die Unternehmen jetzt bereits wirtschaften. Nur wird gemeinwohlorientiertes Wirtschaften derzeit von der Politik kaum gefördert, obwohl es meist mit höheren Kosten und/oder niedrigeren Gewinnen einhergeht. Gerade Subventionen werden oft nur dorthin vergeben, wo am mächtigsten danach verlangt wird und leider auch oftmals für umweltschädliches Wirtschaften.

Guido Rochus Schmidt: In Ihren Vorträgen weisen Sie immer darauf hin, damit Unternehmen wirklich konsequent ökologisch nachhaltig, sozial gerecht und sinnerfüllt wirtschaften können, bedarf es anderer Rahmenbedingungen. Welche Bedingungen sind das und wie müssen sie aussehen?

Harro Colshorn: Das Erste und Naheliegende ist, staatliche Wirtschaftsförderung darauf zu überprüfen, ob sie sozialen und ökologischen Zielen dient oder ob sie diesen zuwiderläuft. Der BUND hat aufgelistet, dass in Deutschland jährlich 57 Milliarden Euro umweltschädliche Subventionen fließen. Das ist nicht nur widersinnig, sondern behindert einen fairen Wettbewerb. Dies zu ändern, wäre die erste und wichtigste Aufgabe.

Eine weitere Möglichkeit, gerade auch für Kommunen, besteht darin, die öffentlichen Aufträge nach sozialen und ökologischen Kriterien zu vergeben. Das ist bereits jetzt rechtlich möglich, allein fehlt dazu der politische Wille.

Steuern dienen nicht nur dem Staat als Einnahmequelle, sondern können die Wirtschaftsentwicklung  steuern. Das erleben wir gerade jetzt in der Corona-Zeit. Das Steuersystem könnte – und sollte – danach durchforstet werden, wie es gemeinwohlorientiertes Wirtschaften fördern könnte.

In einer globalisierten Wirtschaft bedarf es darüber hinaus Anstrengungen im internationalen Bereich oder zumindest in handlungsfähigen Wirtschaftsräumen wie der EU, Steuersysteme einander anzupassen statt untereinander in einen Wettbewerb um niedrige Steuern und lasche Umwelt- und Sozialstandards zu treten. Auch Handelsabkommen dürfen das nicht befördern. Und freier Handel ist kein Wert an sich, sondern sollte nur bei Einhaltung von Menschenrechten und Umwelt- und Sozialstandards zulässig sein.

Die Liste ließe sich verlängern. Das ist ein dicker politischer Brocken. Aber mit den ersten beiden Punkten – der Abschaffung umweltschädlicher Subventionen und der Öffentlichen Auftragsvergabe nach Gemeinwohlwerten – ließe sich leicht beginnen.

Guido Rochus Schmidt: Die Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich nicht als ein weiteres theoretisches politisches Konzept, sondern als Anleitung für Unternehmen zum Wandel wirtschaftlicher Strukturen. Ist das Ihrer Meinung nach möglich, ohne den Strukturen des neoliberalen Wirtschaftens politische Grenzen zu setzen?

Harro Colshorn: Die Unternehmen können bei sich selbst anfangen. Dauerhaft erfolgreich können sie nur bei einer Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen sein, wie zuvor ausgeführt. Und diese lassen sich zusammenfassen unter demselben Leitsatz, unter dem die Gemeinwohl-Ökonomie steht: Wirtschaftliches Handeln dient vorrangig dem Gemeinwohl und nicht der Vermögensvermehrung. Das ist sehr wohl eine Abkehr vom neoliberalen Wirtschaftsdogma.

Guido Rochus Schmidt: Mittlerweile bekennen sich Unternehmen zu den 17 globalen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen. Viele dieser Ziele sind auch in der einen oder anderen Form Bestandteil der Gemeinwohl-Ökonomie Matrix. Inwieweit lassen sich in diesem Kontext Handlungsmöglichkeiten für lokale Unternehmen ableiten?

Harro Colshorn: Die genannten 17 Entwicklungsziele der Vereinten Nationen passen wunderbar zu den Werten der Gemeinwohl-Matrix, nach der die Gemeinwohl-Bilanz erstellt wird.  Das wird auf unserer Website ausführlich dargestellt: https://web.ecogood.org/de/menu-header/blog/die-sustainable-development-goals-und-das-gemeinwohl/. Daran zeigt sich, dass die Werte der Gemeinwohl-Ökonomie universelle Werte sind.

Allerdings handelt es sich dabei nur um Vorschläge der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung. Diese sollten in einem demokratischen Prozess weiterentwickelt werden.

Guido Rochus Schmidt: Herr Colshorn, wir danken Ihnen für dieses interessante Gespräch!

Harro Colshorn: Ich danke Ihnen für Ihr redaktionelles Interesse.

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Guido Rochus Schmidt

Guido Rochus Schmidt

Umweltexperte u. Autor

Guido Rochus Schmidt war von 1979 bis 2013 Geschäftsführer der Ulenspiegel Druck GmbH & Co. KG, die 1999 als erste Druckerei Bayerns das EMAS-Zertifikat der Europäischen Union erhielt. Als Umweltexperte betreute er von 1999 bis 2017 die ökologische Fortentwicklung des Unternehmens. Seit 2017 berät der Experte Unternehmen bei allen Fragen der Nachhaltigen Medienproduktion.

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