TWO SIDES
"Wir klären mit Fakten über die guten Seiten von Papier auf."

Ein nach wie vor kontrovers diskutiertes Thema ist die Umweltgerechtigkeit von Papier und die Frage: Papier oder doch eher digital? Wir sprachen mit Anne-Katrin Kohlmorgen von Two Sides Deutschland über die Lobbyarbeit der Initiative und die Aufklärung in der Öffentlichkeit über das Medium Papier.

Anne-Kathrin Kohlmorgen
Beitragsbild: Managing Partner bei der Initiative Two Sides Deutschland, Anne-Katrin Kohlmorgen. Bildquelle: Two Sides Deutschland.

Slogans wie “Go Green – Go Paperless” oder “E-Billing wählen und einen Baum retten”: Nach Ansicht der Initiative Two Sides sind solche Aussagen nicht hieb- und stichfest – sie suggerieren, dass Digitale Medien generell umweltgerechter sind, als auf Papier gedruckte. Solche Phrasen klingen für viele zunächst auch plausibel, sind aber tatsächlich häufig nur Marketing.

Papier oder Medaillen: Gäbe es keine zwei Seiten, wären viele Dinge so herrlich einfach.

Unsere Welt ist unvorstellbar komplex. Die Gegenwart bringt immer mehr Spezialisierungen und Fachgebiete hervor. Selbst Experten wissen nicht alles. Wenn wir der Wahrheit wenigstens näher kommen wollen, müssen wir genauer hinsehen. Gerade zu Corona-Zeiten flammte die Diskussion über Fake-News erneut auf. Im selben Tempo, in dem unser Leben komplizierter wird, verblöden wir: etwa durch zu häufigeres Lesen von nur Headlines oder durch den Konsum von Belanglosem in den sozialen Medien.

Vielen Dank für Nichts!

Wenn es doch so einfach wäre: Die Digitalisierung ist umweltgerecht, Lobbyisten sind üble Gesellen, die Globalisierung verheißt nichts Gutes und die künstliche Intelligenz raubt uns unsere Jobs. Das klingt irgendwie doch plausibel.

So manches Weltbild to-go wäre schon praktisch.

Globalisierung ist kein generelles Schimpfwort

„Globalisierung“ ist so ein Begriff. Zwei Seiten, zwei Interpretationen. Dann wird es kompliziert. Häufig wird der Begriff nämlich reflexartig mit allerlei Bösem assoziiert. Doch lässt sich nicht leugnen, dass die Globalisierung Fakt ist. Alltag. Die Globalisierung lässt sich nicht einfach abschalten – sie reicht sogar bis in die Antike zurück, war also mehr oder weniger schon immer da. Alexander der Große lässt grüßen, nebst vielen weiteren Großmächten der Geschichte, die zumeist auch regen Handel trieben und sich kulturell austauschten.

Wäre unsere Welt mit einem Fingerschnippen entglobalisiert, würde bei vielen von uns nicht nur zum Beispiel die Unterwäsche vom Gesäß rutschen – denn wahrscheinlich steckt in ihrem Stretchbund irgendeine Zutat aus aller Welt – wir hätten auch keine Smartphones mehr, unsere Autos blieben stehen, das Internet und die Gesundheitsversorgung brächen zusammen und so vieles mehr würde schlagartig nicht mehr funktionieren. Wir würden unsere Welt nicht mehr wiedererkennen. Die Globalisierung hat wenigstens so viele gute wie schlechte Seiten. Der Kolonialismus war zumeist schlecht. Kultureller Austausch, fairer Handel oder Bildungstransfers waren positive Folgen.

Anerkennen wir, dass die Globalisierung positive und negative Aspekte hat. Und überhaupt, dass sie seit Jahrtausenden Realität ist. Dann können wir im zweiten Schritt proaktiv und wirkungsvoll am guten Gelingen mitwirken. Ein gutes Beispiel liefert ein nachhaltiger Industriedrucker, der einen Award für kritische Dokumentarfilme stiftet. Solche Filme, die sich mit den Schattenseiten der neoliberalen Globalisierung auseinandersetzen. Doch bitte: Hören wir auf, uns wie Grundschüler zu verhalten und Realitäten zu verweigern oder Alternativen zu verklären, denn nicht ohne Grund sind auch viele NGOs global unterwegs. Auch viele Industrien und Institutionen organisieren sich global. Angesichts der ebenso globalen Herausforderungen der Menschheit wie den Klimawandel, ist das auch gut so. 

„Lobbyismus“ ist noch so ein Begriff. Auch Lobbyisten sind real. Seit ebenso vielen Jahrhunderten wie die Globalisierung. Auch beim Lobbyismus-Begriff greifen wir schnell zum Klischee to go – und ziehen gerne ein Weltbild aus der Schublade.

Guter und schlechter Lobbyismus?

Oft denken wir an die Automobil-, Öl-, Chemie- oder Finanzindustrie. Hier sind Lobbyisten von Konzerne am Werk. Denen unterstellen wir kaum Gutes. Der Begriff hat eindeutig negative Konnotationen (Nebenbedeutungen). Interessenverbände treten deshalb mittlerweile sogar schon unter anderen Bezeichnungen auf, etwa: Public Affairs oder Politikberatung – doch das ändert nichts an der eigentlichen Funktion bzw. Existenz vom Lobbyismus an sich.

Umweltlobbyismus und die zwei Seiten der Medaille

Grundsätzlich sind auch NGOs wie Greenpeace, der WWF, Robin Wood und anderen Organisationen wie der FSC, Climatepartner oder Nature-Office Lobbyisten (vgl. Definition Umweltlobbyismus). So wird deutlich, wie elementar wichtig Lobbyarbeit grundsätzlich auch für den Umweltschutz ist. Und natürlich bringen zum Beispiel auch Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Kirchen und andere Verbände ihre Themen gezielt in den politischen Meinungsbildungsprozess ein –

es geht gar nicht anders. Wie denn?

Lobbyismus ist eine aus dem Englischen übernommene Bezeichnung für eine Form der Interessenvertretung in Politik und Gesellschaft, bei der Interessengruppen, die Lobbys, Einfluss auf die Legislative nehmen wollen. Klar: Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sollten unbedingt im Dialog bleiben. Wieder stehen wir vor den zwei Seiten eines Begriffes und ich denke: Nur, da wenige Autofahrer mit erheblichen Überschreitungen des Tempos geblitzt werden, könnte die Schlussfolgerung falscher nicht sein, dass Autofahrer generell verantwortungslose Raser sind. So ist es auch mit dem Lobbyismus und der globalisierten Industrie.

Two Sides und die zwei Seiten von Papier

Two Sides ist eine weltweite Initiative von Unternehmen aus der Produktionskette von grafischen Medien. Dazu zählen Firmen aus den Bereichen Waldwirtschaft, Zellstoff, Papier, Druckfarben, Vorstufe, Druck, Weiterverarbeitung, Verlage und Druckereien. Two Sides betreibt Öffentlichkeitsarbeit und Lobbyarbeit gegenüber der Legislative.

Das Ziel: Die Förderung einer verantwortungsbewussten Nutzung von Papier, besonders auch als hochwertige gedruckte Medien. Anne-Katrin Kohlmorgen ist Managing Partner bei Two Sides Germany und meint: „Wir wollen mit Vorurteilen aufräumen und belastbare Informationen anbieten. Print und Papier stehen für ein attraktives, praxisorientiertes und nachhaltiges Kommunikationsmittel.“

Der Name dieser Initiative ist wohlüberlegt – die zwei Seiten (Two Sides) beschreiben nämlich einerseits die zwei Seiten einer Medaille, zugleich spielen sie aber auch auf die zwei bedruckbaren Seiten von Papier an. Die zwei Seiten der Medaille stehen bei Two Sides für Transparenz. Einerseits, dass die Produktion von Papier zwar einen CO2-Fußabdruck hinterlässt, die Umwelt also belastet, andererseits aber auch, dass der ganz große Teil dieser Industrie sehr hart am Thema Umweltschutz arbeitet und Papier grundsätzlich ein nachhaltiger Rohstoff ist.

Natürlich geht es nicht ohne Papier

Zwei Seiten zeigen sich auch beim Vergleich zwischen Papier und den jeweils theoretisch alternativen digitalen Medien. Das bereits vor 20 Jahren ausgerufene papierlose Büro blieb Utopie. Ebenso die Vorstellung, dass Papier generell durch digitale Medien ersetzt werden kann. Denken wir an Verpackungen, in denen zum Beispiel die annähernd heiliggesprochenen Reliquien der Digitalisierung, unsere Smartphones, schützend oder aufwertend verpackt sind – nebst Beipackzettel und Schnellanleitung. Oder denken wir an Hygienepapiere oder -artikel.

Für diverse Szenarien scheint es auch völlig unvorstellbar, den intimen Akt der menschlichen Hygiene zu digitalisieren.

Auch das sogenannte Schrifterfordernis für amtliche Dokumente oder notarielle Verträge zeigen die Dominanz von Papier in gleich so vielen Bereichen. Daneben ist Print häufig State of the Art, zum Beispiel für Geschäftsberichte, Einladungen zu Vernissagen Kunstausstellungen, Hochzeiten, Beerdigungen und so weiter. Immer noch werden Visitenkarten überreicht. Imagecards – eine Frage von Stil und ein sehr emotionaler Moment. Sowas wie eine Schenkung.

Die Initiative Two Sides tritt vordergründig also gar nicht an, um Papier generell gegen digitale Alternativen zu verteidigen. In der Hauptsache geht es darum, den guten Ruf des Bedruckstoffes zu wahren und über die Fortschritte der Papierindustrie bei der Nachhaltigkeit aufzuklären. Ein berechtigtes Anliegen, denn hier ist in den letzten 15 Jahren wirklich sehr viel passiert.

Die Presse- und Lobbyarbeit von Two Sides ist auch eine ständige Auseinandersetzung über Gerüchte oder sogar Mythen von Papier. Hier liefert Two Sides Fakten, um zum Beispiel Kampagnen der digitalen Industrie zu relativieren. Die stellt Print nicht selten als wenig nachhaltig in Frage – insbesondere, um die eigene Mediengattung als besonders umweltgerechte Alternative zu pushen.

Papier-Lobby Two Sides, Greenwashing

Bei der Anti-Greenwash-Kampagnen wendet sich Two Sides an Unternehmen, die in unzulässiger Weise damit werben, Print aus Gründen des Umweltschutzes durch digitale Medien zu ersetzen. Bildquelle: Two Sides Deutschland.

Papier als Schnittmenge der Interessen

So hat sich eine Kooperation zwischen den beiden Initiativen Two Sides und UmDEX (Umweltindex) entwickelt. Auch wir sind mit dem hohen Anspruch in der Öffentlichkeit aktiv, sachgerecht und auf Basis von klaren, nachprüfbaren Fakten aufzuklären. UmDEX ist ein Symbol für die Besten unter den Besten der nachhaltigen Druckdienstleister Europas.

Der Score UmDEX/print basiert auf den hochwertigsten Umweltmanagement-Systemen und Zertifizierungen.

Topkriterien wie der Blauen Engel DE-UZ 195 (Blauer Engel für die vollständige Produktzertifizierung, nicht nur Papier) oder EMAS, Eco Management and Audit Scheme, auch als EU-Öko-Audit bezeichnet. Es geht auch bei uns um die Abgrenzung zum Greenwashing, denn Greenwashing gefährdet internationale Umweltziele und täuscht Verbraucher – nicht immer, aber auch nicht selten arglistig.

Viele nachhaltige Druckereien haben sich ihren guten Ruf verdient

In kaum einer anderen Industriebranche sind die jeweils nachhaltigen Spitzenreiter so umweltgerecht wie in der Druck- und Papierindustrie. In der Druckbranche allen voran eine Spitzengruppe von Druckdienstleistern, die klar festgelegte Topkriterien der Nachhaltigen Medienproduktion erfüllen.

Seitdem die CO2-Last (CO2-Bilanz) bei der Digitalisierung ebenso vollständig erfasst wird, wie es für die Druck- und Papierindustrie schon seit Jahren selbstverständlich ist, speziell etwa:

  • die Geräteherstellung,
  • die Energieverbräuche der Geräte und durch Internetdienst-Anbieter wie Serverfarmen, Provider, Suchmaschinen,
  • der Abbau seltener Erden, nebst Transport,
  • die Entsorgung/Verschrottung von Altgeräten usw.,

stehen Print und Papier vergleichsweise sehr gut. Nicht selten deutlich besser als digitale Medien. UmDEX-Druckereien erreichen dahingehend sogar absolute Bestwerte.

Die Schnittmenge zwischen Two Sides und UmDEX ist der nachhaltige Bedruckstoff Papier.

Legendäre Kampagnen von Two Sides

Die Initiative Two Sides leistet dahingehend konkret auch für die Druck- und Medienbranche wertvolle Aufklärungsarbeit und hilft somit Printbuyern bei der Orientierung.

Überregional bekannt ist die Anti-Greenwash-Kampagne von Two Sides: Dabei geht es, wie angedeutet, um kritische Kommunikationsmethoden einiger Industrieunternehmen, die sich selbst grün waschen – zum Beispiel durch die Behauptung, dass ein gedrucktes Medium aus Gründen des Umweltschutzes durch ein digitales ersetzt würde.

Anne-Katrin Kohlmorgen: „Soweit dies auf unbegründeten und irreführenden Umweltaussagen wie ‚Go Green – Go Paperless’ und ‚E-Billing wählen und einen Baum retten’ basierte, haben wir diese Unternehmen kontaktiert und freundlich abgemahnt, ihre Aussagen zu korrigieren. 70 Prozent der Konzerne haben ihre Aussagen danach richtiggestellt.“

Auch weitere Projekte der Initiative Two Sides haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Informationen sind gut recherchiert, basieren auf Fakten und sind einfach und verständlich aufbereitet. Beispiele:

  • Ein kompakter Überblick von Mythen und den tatsächlichen Fakten über Papier. Two Sides stellte viele durch Studien belegte und gut illustrierte Infos im gleichnamigen PDF zusammen, das öffentlich zur Verfügung steht.
  • Mitglieder von Two Sides können das Mythen- und Fakten-Booklet personalisieren und damit auch für die eigene Aufklärung verwenden.
  • Unter dem Begriff Factographics hat Two Sides 30 anschauliche Infografiken zum Thema Papier zusammengetragen, die zur freien Verwendung zur Verfügung stehen, beispielsweise im Social-Media-Bereich.
  • Der Packaging-Report zeigt diverse, interessante Ergebnisse einer Umfrage unter 5.900 Verbrauchern zum Thema Verpackungen.
  • Interessant auch die repräsentative Umfrage des Meinungsforschungs-Instituts Toluna unter mehr als 10.000 international befragten Verbrauchern über den Wert von Papierprodukten in einer digitalisierten Welt.

Anne-Katrin Kohlmorgen ist international gut vernetzt und wird uns künftig sporadisch auch über die ausländischen Aktivitäten ihrer Kollegen von Two Sides berichten. Doch zunächst sprachen wir über generelle Themen, über „uns Nordlichter“ und natürlich ganz viel über Papier:

Interview mit Anne-Katrin Kohlmorgen, Managing Partner Two Sides Germany

Papier-Lobby Two Sides

 

Elevator Pitch, Frau Kohlmorgen. Auch wenn es schwer fällt: Wer oder was ist Two Sides aus Ihrer Sicht. Bitte in wenigen Sätzen.

Anne-Katrin Kohlmorgen: Two Sides ist eine gemeinnützige, globale Initiative zur Förderung der nachhaltigen und attraktiven Eigenschaften von Druck- und Papiererzeugnissen sowie Papierverpackungen. Unsere Mitglieder sind in der gesamten Wertschöpfungskette von Druck, Papier und Verpackung – einschließlich Forstwirtschaft, Zellstoff, Druckfarben und Chemikalien, Weiterverarbeitung, Verlagswesen, Umschläge und Postunternehmen vertreten.

 

Wer hat TwoSides gegründet und was war die Absicht dahinter?

Anne-Katrin Kohlmorgen: Two Sides ist eine Initiative, die von der Papier- und Verpackungsindustrie gegründet wurde und sich zum Ziel gesetzt hat, die nachhaltigen Eigenschaften und vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Papier-, Print- und Verpackungsprodukten wieder verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.

 

Two Sides ist international tätig. Auf allen Kontinenten? Worin unterscheidet sich die Arbeit der Länder speziell in Europa?

Anne-Katrin Kohlmorgen: Ein entscheidender Unterschied ist, dass wir in Europa einen ganz anderen Bezug zu Papier und auch zur Forstwirtschaft haben als unseren Kollegen in Übersee. Auch wenn einige Problemstellungen in den europäischen Ländern ähnlich geartet sind, so zeigen sich auch immer deutliche Abweichungen. Alle Kollegen stehen in regelmäßigem Austausch, was enorm hilfreich bei der Entwicklung immer neuer Ideen und Lösungsvorschläge für unsere Arbeit ist. Wir bemerken jedoch auch, dass wir uns kulturellen oder politischen Besonderheiten gegenübersehen.

 

Zum Beispiel?

Anne-Katrin Kohlmorgen: Das zeigt sich zum Beispiel an der Bon-Pflicht, die es nur in Deutschland gibt, während der Trend in allen anderen Ländern zum digitalen Kassenbon geht, der per E-Mail verschickt wird. Außerdem arbeiten wir in Europa doch recht einheitlich, was die Materialien betrifft und können so unsere Ressourcen in vielen Sprachen anbieten. Wünscht sich ein Stakeholder eines unserer Booklets für seine Dependance im Ausland auf Französisch ist das problemlos bereitzustellen.

 

Wie hat sich Deutschland entwickelt und wie sind Sie mit Ihrer Agentur zum globalen Team gestoßen?

Anne-Katrin Kohlmorgen: Two Sides ist bereits seit mehreren Jahren in Deutschland aktiv. Häufig – so ist es bei vielen Country Managern im europäischen Ausland – sind diese eigentlich für einen der großen Branchenverbände tätig und kümmern sich zusätzlich um Two Sides.

Bei uns ist es so, dass der deutsche Markt als einer der wichtigsten Europas besonders viel Aufmerksamkeit erfordert. Mit einem neuen Team sollte die Schlagkraft erhöht werden und über einen Kunden unserer Agentur sind wir dann mit Two Sides in Kontakt gekommen. Die Chemie mit den Kollegen in Großbritannien, die die Kampagne für Europa zentral steuern, stimmte. So nahm dann alles seinen Lauf.

 

Wo würden Sie digitale Medien als führend betrachten und wo sind analoge Medien, also Print, unverzichtbar oder stärker, zum Beispiel mit Blick auf die Wirkung?

Anne-Katrin Kohlmorgen: Eine sehr spannende und interessante Frage – besonders darum weil sie so vielfältig ist, wie unsere Medienlandschaft. Wenn Sie mich persönlich fragen, schlägt mein Herz für Print. Doch auch in der täglichen Arbeit stellen wir fest, dass es eben ganz auf Botschaft und Zielgruppe ankommt. Ich versuche das mal herunterzubrechen:

Digitale Medien sind schnell konsumierbar, überall und jederzeit, und bieten so ein großes Maß an Flexibilität. Das ist ein immenser Vorteil. Wenn es aber um gründlich recherchierte Artikel, Lerninhalte oder komplexe Sachverhalte geht, überzeugen Printprodukte. Der Leser kann viel tiefer in das Thema einsteigen, es kognitiv verarbeiten und wirklich verstehen, statt nur in Windeseile darüber zu fliegen.

Darum schneiden Schüler und Studenten, die nach wie vor Bücher zum Lernen nutzen, auch wesentlich besser ab. Das wurde bereits in zahlreichen Studien nachgewiesen.

Und auch das haptische Erlebnis spielt eine ganz wesentliche Rolle. Das Gefühl die Seiten zu berühren, umzublättern und ein hochwertig gebundenes Buch oder Hochglanz-Magazin in Händen zu halten ist doch wunderbar.

 

Apropos Hände: Wie ist es denn mit der Übertragbarkeit von Viren durch Papier? Das war zeitweise ein Argument der digitalen Industrie?

Anne-Katrin Kohlmorgen: Wir haben darüber erst kürzlich berichtet. Unseren Newsletter können Sie über die Website von Two Sides bestellen. Die Corona-Krise hat die Vorzüge von Printprodukten in besonderer Weise gezeigt: Auf der Oberfläche des Papiers überlebt der Erreger aufgrund der porösen Struktur nicht besonders lange, was es zu einem vergleichsweise sicheren Material macht und zu einem bemerkenswerten Aufschwung von Direct Mailings bzw. Postwurfsendungen geführt hat. In Zeiten von Home-Office und Selbst-Isolation auch klug gedacht, denn wo trifft man jetzt seine Zielgruppe? Zuhause!

 

Vom Hände waschen zum grün waschen. In der Druckbranche gibt es einige ziemlich feiste Greenwasher. An welchen konkreten Kriterien würden Sie eine nachhaltige Druckerei festmachen?

Anne-Katrin Kohlmorgen: Da gibt es eine ganze Reihe an Kriterien, die erwähnenswert sind. Ob diese nun alle erfüllt sein müssen, um als nachhaltig zu gelten, will ich nicht bewerten, da sind Sie der Experte für die Details. Doch ein bewusster Umgang in der Vermarktung unserer Produkte gegenüber dem Verbraucher ist das A und O.

Und hier spielt Ehrlichkeit für mich die größte Rolle.

Ich denke zunächst einmal an die Nutzung nachhaltiger Rohstoffe, die zertifiziert sind, zum Beispiel an den Blauen Engel. Kommt das nicht in Frage, gibt es zahlreiche Label wie FSC oder PEFC. Doch damit hört es bei Weitem nicht auf – die Tinten oder Druckfarben, Lacke und andere Druckhilfsmittel und so weiter. Es ist offensichtlich nicht zielführend, ein nachhaltiges Papier anzupreisen und es dann mit einer Folienkaschierung oder weiteren „schicken Tricks“ mehr zu pimpen, als erforderlich. Am Ende muss das Material im Recycling-Kreislauf funktionieren.

In Sachen Nachhaltigkeit müssen wir 360 Grad denken.  Nachhaltige Medienproduktion bezieht sich nicht alleine auf das Produkt, sondern auch auf sämtliche damit verbundenen Prozesse. Die werden in ihrer bestmöglichen Gesamtheit derzeit wohl am ehesten durch Zertifizierungen wie EMAS oder den Blauen Engel RAL-UZ 195 etc. bestätigt. Ich empfehle auf solche Labels und die Gesamtheit der Umweltleistungen zu achten.

 

Welche drei Publikationen von Two Sides waren oder sind aktuell aus Ihrer Sicht erwähnenswert?

Anne-Katrin Kohlmorgen: Unser Mythen & Fakten-Booklet ist unsere Hauptpublikation. Wir räumen darin mit Vorurteilen und Missverständnissen über Papier auf. Im Laufe der Zeit hat es sich zu einer festen Größe entwickelt und ist das beliebteste unserer Booklets.

Daneben stecken viel Energie und im Ergebnis viele faktische Informationen im Packaging Booklet, mit dem wir der immer stärker wachsenden Verpackungsindustrie etwas an die Hand geben möchten. Zudem publiziert Two Sides noch diverse Reports. Nachgefragt sind auch unserer Verbraucher-Umfragen, die wir in regelmäßigen Abständen durchführen.

 

Sie sind die Two Sides-Stimme in Deutschland. Aber Sie machen das nicht hauptsächlich. Was ist die USP Ihrer Agentur?

Anne-Katrin Kohlmorgen: Unsere Agentur MIT-SCHMIDT Kommunikation ist eine inhabergeführte PR-Agentur. Einer unserer größten USPs ist unsere Kreativität in Verbindung mit einer starken Hands-on-Mentalität. Wir bemerken, dass sich viele Agenturen in Strategien und Konzepten verlieren und viel Zeit vergeht bis dann etwas zustande kommt. Verstehen Sie mich nicht falsch, das alles ist absolut essenzieller Bestandteil unserer Arbeit und doch muss eine tolle Idee natürlich auch zum Leben erweckt werden. Sowohl Naciye Schmidt, die sich ebenfalls um Two Sides kümmert und der zweite Teil der Doppelspitze ist, als auch ich,

wir würden als Nordlichter wohl sagen, dass wir nich lang schnacken,

sondern eben einfach auch mal loslegen.

 

Was ist Ihre persönlich schönste Drucksache

Anne-Katrin Kohlmorgen: Mein Herz schlägt für Zeitschriften und Bücher. Das geht so weit, dass ich es nicht ertrage, wenn im Buchrücken Falten vom zu starken Aufschlagen bleiben. Bei Zeitschriften ist das ein wenig anders – inspirierende Inhalte werden mit einem Eselsohr versehen. Vieles finde ich schneller wieder als im Internet.

 

 

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Jürgen Zietlow

Jürgen Zietlow

Autor, Blogger, Fachtexter

Autor, Fachjournalist und Blogger | 2005 bis 2017 Chefredakteur vom Druckmagazin MEDIEN | seit 2010 Unternehmensberater für Content-Marketing- und Media-Strategien | Entwickler der Content-Strategie- und Prozessmethode LineCore, ein System zur crossmedialen Distribution von Inhalten.

Fokus

Two Sides
Ein nach wie vor kontrovers diskutiertes Thema ist die Umweltgerechtigkeit von Papier. Two Sides klärt die Öffentlichkeit mittels Studien und Fakten auf. Ein Interview mit Managing Partnerin bei Two Sides, Anne-Katrin Kohlmorgen.
Klimakiller Internet:
Digitale Medien, so dachten bislang viele, sind grundsätzlich umweltfreundlicher als gedruckte. Der Umweltexperte Guido Rochus Schmidt hat recherchiert und kommt zu überraschenden Ergebnissen.
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