Vegane Bücher aus Graspapier
Graswurzel-Rebellion bei Matabooks

Matabooks ist ein Verlag der besonderen Art. Und diese wurzelt – im wahrsten Sinne des Wortes – in der Vision, Bücher konsequent im Einklang mit der Natur zu produzieren. Während die Buchbranche darüber noch indigniert den Kopf schüttelt, ist diese Vision schon jetzt im Programm des Verlags sichtbar: Bücher, die man lesen und – überraschenderweise – auch riechen kann. Denn Matabooks ist der erste und bislang einzige deutsche Verlag, der ausschließlich vegane Bücher aus Graspapier herstellt.

Graspapier, Druck
Veganer Kalender aus Graspapier, Bild: Matabooks Verlag (Hinweise zur möglichen Pflicht der Kennzeichnung als Werbung).

​Matabooks ist ein junges Start-up aus Dresden. Sein Gründer, der Mediengestalter Kay Hedrich, beginnt im Jahr 2011 das Studium für Buch-und Medienproduktion an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden. Er reist viel. Seine Reisen führen ihn rund um die Welt, nach Lateinamerika, nach Indien.

Kay Hedrich, Gründer des Matabooks Verlages, Bild: Matabooks Verlag

In Israel ergriff er die Möglichkeit, von äußeren Einflüssen frei zu werden und auf seine innere Stimme zu hören. Insbesondere die Grenzmauer in Bethlehem mit zahlreichen gesellschaftskritischen Graffiti-Kunstwerken inspirierte ihn dazu, allgegenwärtige Konzepte zu überdenken. Auf diesen Reisen in Ländern der Dritten Welt wird ihm klar, was das generelle Grundproblem gegenwärtiger Produktions- und Lebensweisen in den Ländern der Ersten Welt darstellt:

„Wir Menschen verbrauchen so viele Rohstoffe, dass derzeit anderthalb Erden nötig wären, um unsere Bedarfe zu decken“

Schon während seines Studiums beginnt er daher, sich mit ökologischen Alternativen zur konventionellen Buchherstellung zu beschäftigen. Neben Bestandteilen, wie z. B. Umschläge, Lacke, Leime, Veredelungen, bestehen Bücher in der Hauptsache aus Papier.

Grund genug für den Studierenden, alle Prozesse der herkömmlichen Buchproduktion kritisch unter die Lupe zu nehmen und nach Möglichkeiten einer konsequent ökologischen und klimafreundlichen Buchherstellung zu suchen. Anlässlich einer Projektarbeit während des Studiums lernt er Uwe D´Agnone, Erfinder des Graspapiers und Geschäftsführer der Firma Creapaper, kennen. In dieser Projektarbeit beschäftigte sich Kay Hedrich erstmals mit der Nutzung von Graspapier zur Buchproduktion. Uwe D´Agnone begann schon im Jahr 2006, sich mit einem neuen, ökologisch sinnvolleren Material für Verpackungen zu beschäftigen. Gras, als interessanter Werkstoff für Kartonagen, führte bald zur Entwicklung von grafischen Papieren aus Gras.

Und damit nahm Kay Hedrichs Projekt seinen Anfang.

Grasfasern statt Zellstoffe

Graspapier lässt sich wesentlich einfacher herstellen als Papier aus Zellstoff. Um weißes, holzfreies Papier herzustellen, muss das Lignin aus dem Holzschliff entfernt werden, denn Lignin verursacht die raue Oberfläche und die bräunliche Farbe des Papiers. Beim Sulfat-Verfahren werden die Holzschnitzel unter Druck mit einer alkalischen Lösung von Natriumsulfat und Natriumsulfid gekocht. Beim Sulfit-Verfahren verwendet man eine Lösung von Magnesiumhydrogensulfit. Der größte Teil des Lignins geht dabei in Lösung und kann ausgewaschen werden.

Ist das Lignin vollständig entfernt, erhält man Zellstoff, der vor der Papierherstellung noch gebleicht werden muss. Häufig benutzt man zum Bleichen Chlordioxid oder Wasserstoffperoxid, man bezeichnet das Papier dann als „chlorfrei gebleicht“.

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Wiese, Bild von Teuvo Uusitalo auf Pixabay

Gras wird dagegen einfach geerntet, in der Sonne zu Heu getrocknet und in kleine Pellets gepresst. In der Papierfabrik werden diese dann in Wasser gelöst, gesiebt, gepresst und anschließend getrocknet.  Der Lignin-Anteil im Gras ist etwa um 75 Prozent geringer als im Zellstoff. Somit entfällt das aufwändige Auswaschen mit Sulfaten oder Sulfiten. Die Produktion kommt gänzlich ohne Chemie aus, und gegenüber der herkömmlichen Papierproduktion werden 80 Prozent der Energie und etwa 5.000 Liter Wasser pro Tonne eingespart.

Von der Idee zum veganen grünen Buch

Für den Visionär Kay Hedrich endet das Thema Nachhaltigkeit jedoch längst nicht beim Papier. Vielmehr geht es ihm auch um die tierischen Bestandteile, wie sie in der konventionellen Buchproduktion eingesetzt werden: Glutinleim, der durch das Auskochen von Tierknochen, -knorpeln und -häuten oder Fischgräten gewonnen wird, Leder für die Buchdecken oder sonstige aufwändige Veredelungen.

Er favorisiert vielmehr einen Leim auf Wasserbasis und Farben, die keine tierischen Bestandteile enthalten. Klebstoffe auf Wasserbasis sind als ökologische Alternative bereits erhältlich. Als Bindemittel werden chemische Lösungsmittel durch Wasser ersetzt. Diesen Leim industriell zu nutzen, insbesondere zur Buchproduktion ist jedoch nicht so einfach – wasserbasierte Klebstoffe benötigen mehr Zeit zum Trocknen. Der Buchbindeprozess muss also neu daran angepasst und optimiert werden.

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Druckbogen mit veganen Farben, Bild: Matabooks Verlag

Für bestimmte Buntfarben, etwa Karmin, werden die Farbstoffe aus der Karminsäure weiblicher trächtiger Cochenilleschildläuse gewonnen. Seit Jahrhunderten werden diese Läuse auf Kakteen gezüchtet. Sie dienten schon den Mayas und Inkas zur Farbenherstellung. Auf einer Reise durch Peru konnte Kay Hedrich dieser traditionellen Farbherstellung beiwohnen. Die Läuse werden zunächst mit Essig gewaschen und getrocknet. Anschließend folgt das Auskochen unter der Verwendung von Schwefelsäure. Danach wird das Pigment chemisch ausgefällt. Für die Gewinnung von 50 Gramm dieses Farbstoffs werden etwa 100.000 getrocknete Läuse benötigt.

Im Jahr 2017 beginnt er mit, zum Teil in Handarbeit hergestellten, veganen Büchern aus Graspapier zu experimentieren. Dabei hatte er Unterstützung von einer Lehrmeisterin einer traditionellen Buchbinderei. Mit ihrer Hilfe konnte Kay neben praktischen Fertigkeiten und Erfahrungen auch die Liebe und Leidenschaft zu den Büchern erleben. Dort konnten die ersten Hürden gemeistert werden und die Prototypen der heutigen Bücher aus Graspapier entstehen. Mit diesen Büchern will er den zukünftigen Lesern die Möglichkeit geben, um auch hier einen Beitrag zum Umwelt-, Klima- und Tierschutz zu leisten. Auf einer Reise durch Indien findet er schließlich auch den Namen für den zukünftigen Verlag. „Mata“ heißt Mutter, und so soll auch der neue Verlag heißen: Matabooks.

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Notizbuch aus Graspapier, Bild: Matabooks Verlag

Ein Jahr später ist man endlich soweit, um in die industrielle Produktion einzusteigen. Doch dazu fehlt das Geld. Kay Hedrich beschließt, das Projekt Matabooks über Crowdfunding zu finanzieren. Unterstützt wird es von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden, der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig, von Uwe D’Agnone von Creapaper, der Filmagentur ravir Film GbR aus Dresden und Kay Hedrichs Familie.

Für den Anfang sollen 1.000 Bücher auf Graspapier gedruckt und mit glutinfreiem Leim gebunden werden. 15.000 Euro sind für die Produktion notwendig. Nach vier Monaten haben zweihundertneunzig, von der Idee überzeugte, Kleinstinvestoren 15.683 Euro aufgebracht. Sie werden mit einer Ausgabe des Buches belohnt.

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Das Flüstern der Rebellion, Bild: Matabooks Verlag

Das erste Buch aus Graspapier kommt aus der Feder der jungen Autorin Sophie Marlene Frohnauer. Sie ist eine Cousine von Kay Hedrich und war 13, als sie den Roman schrieb. Der Titel „Das Flüstern der Rebellion“ stand damals schon fest. Mittlerweile ist er der Sinnspruch für eine Revolution auf dem Buchmarkt, die in Dresden ihren Anfang genommen hat.

Nachhaltigkeit bei Matabooks ist mehr als Umweltschutz

Mittlerweile gibt es ein breit gefächertes Programm, dazu auch eine Edition von Karten und Notizbüchern. Für deren Cover hat sich Kay Hedrich etwas Besonderes einfallen lassen. In das weiche Papier aus Baumwollzellstoff sind verschiedenste Wildblumensamen eingeschöpft. Wer das vollgeschriebene Buch einpflanzt und über längere Zeit feucht hält, kann sich schon bald über eine schöne Blumenpracht freuen.

Mata-Books, Bücher aus Graspapier

Aus Büchern wachsen Blumen. Buch aus Graspapier. Bild: Matabooks Verlag

Daneben ist es Matabooks wichtig, sich ständig mit den neuesten innovativen Medientechnologien zu beschäftigen und so die Buchbranche noch nachhaltiger zu gestalten. Deshalb engagiert sich das Medienunternehmen auch in der Forschung und bietet Studierenden verschiedenster Fachrichtungen interessante und umfangreiche Praktika. In einem der Projekte geht es beispielsweise um die Entwicklung kompostierbarer Gemüsebeutel, um herkömmliche dünne Kunststoffbeutel in Supermärkten zu ersetzen. Ein weiteres Projekt ist die Entwicklung von biobasierten Klebstoffen, die in den verschiedenen Stufen der Buchproduktion zum Einsatz kommen sollen.

Außerdem verortet sich der Verlag im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie in den Belangen Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit. Alle Produkte werden deshalb in Deutschland unter fairen Bedingungen produziert. Leider konnte die Buchproduktion an keine regionale sächsische Druckerei vergeben werden. Aber man fand schon bald in der Druckerei Lokay e.K. einen passenden Partner. Sie zeichnet sich als nachhaltige, auf diesem Bereich führende Druckerei aus. Insbesondere der Geschäftsführer Ralf Lokay konnte mit seiner umweltbewussten Einstellung überzeugen.

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Buchtitel für den Roman von Gudrun Pausewang, Bild: Matabooks Verlag

Im Jahr 2018 wurden in dieser Kooperation die ersten Bücher aus Graspapier gedruckt. Im Laufe der Zeit ergaben sich zudem ebenfalls Zusammenarbeiten mit kleineren Druckereien.

Matabooks – ein Verlag für eine nachhaltige  Zukunft!

 

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Guido Rochus Schmidt

Guido Rochus Schmidt

Umweltexperte u. Autor

Guido Rochus Schmidt war von 1979 bis 2013 Geschäftsführer der Ulenspiegel Druck GmbH & Co. KG, die 1999 als erste Druckerei Bayerns das EMAS-Zertifikat der Europäischen Union erhielt. Als Umweltexperte betreute er von 1999 bis 2017 die ökologische Fortentwicklung des Unternehmens. Seit 2017 berät der Experte Unternehmen bei allen Fragen der Nachhaltigen Medienproduktion.

Fokus

Klimawandel in der Druckbranche
Der Klimawandel und seine dramatischen Folgen werden häufig kleingeredet – mit diesem Gedankengut werden oft die Wirkungen relativiert, die mit der qualifizierten Nachhaltigkeit einhergehen. Für die Druckbranche geht es dabei um ihren guten Ruf und das nachhaltige Image von Papier als Material aus natürlichen, nachwachsenden Rohstoffen.
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