Nachhaltigkeit ist Zukunftsfähigkeit
Ein Konjunkturpaket für Blauer Engel-Druckprodukte

Der Blaue Engel kennzeichnet im Allgemeinen besonders umweltschonende Produkte. Seit der Einführung des Umweltzeichens im Jahr 1978 unter Federführung des damaligen deutschen Innenministers Gerhart Baum, gibt es Recyclingpapiere mit dem Blauer Engel- Siegel auf dem Markt. Sie sind nicht nur innovativ sondern helfen in hohem Maß, den Druck auf das Ökosystem Wald zu vermindern.

von | September 2020 | Allgemein | 0 Kommentare

Ein Blauer Himmel durch Blauer Engel-Druckprodukte, Bild von Kranich17 auf Pixabay

Leider führen diese Papiere bis zum heutigen Tag mehr oder weniger ein Schattendasein. Laut dem Papierkompass 2020 des Verbandes Deutscher Papierfabriken e.V. (VDP) liegt der Marktanteil grafischer Recyclingpapiere, die mit dem Blauer Engel RAL UZ 14a-Zertifikat ausgezeichnet sind und somit aus 100 Prozent Altpapier bestehen, momentan bei knappen 5 Prozent, obwohl sie vom Bundesumweltministerium, den Umweltministerien der Länder, den NGOs Greenpeace und Robin Wood , dem Forum Ökologie & Papier oder der Initiative Pro Recyclingpapier stark beworben werden.

Offenbar fehlen jedoch finanzielle Anreize, um diese Papiere flächendeckend auf dem Markt zu positionieren. Seit einigen Jahren gibt es nun das Blauer Engel-Siegel RAL UZ 195 für zertifizierte Druckprodukte, das nicht nur den Einsatz von Recyclingpapieren vorschreibt sondern zusätzlich einen zertifizierten umweltfreundlichen Druckprozess voraussetzt. In der europäischen DACH-Region gibt es mittlerweile etwa 50 Druckereien, die Druckprodukte mit diesem Siegel anbieten können.

Dennoch besteht weiterhin das Problem, diese Produkte auf dem Markt durchzusetzen. Aus diesem Grund haben namhafte nachhaltig produzierende deutsche und österreichische Druckereien, die sich im UmDEX-Projekt zusammengefunden haben, beschlossen, gemeinsam mit führenden Personen aus Wirtschaft, Interessenverbänden, Forschungsgemeinschaften und Politik eine Kampagne zur Lösung dieses Problems ins Leben zu rufen.

Mit dieser Kampagne soll von der Bundesregierung ein zukünftiges Konjunkturpaket anhand konsequent nachhaltiger Leitlinien gefordert werden, wie sie im Sinne des Zertifikats Blauer Engel RAL UZ 195 festgelegt sind. Dabei sind aber auch soziale und technische Innovationen, Klimaschutz und gesetzlich verankerte Gemeinwohlorientierung zu berücksichtigen, damit nachhaltig produzierende Druckunternehmen, die nach RAL UZ 195 und zusätzlich einem Umweltmanagementsystem wie EMAS oder DIN ISO 14001 zertifiziert sind, langfristig gestärkt werden.

Sinnvolle Subventionen in Klimaschonung sind unabdingbar

Die Bundesrepublik und viele andere Regierungen weltweit haben sich zur Erreichung der Pariser Klimaziele und der Umsetzung der SDGs der Vereinten Nationen verpflichtet.

Daher müsste jedes aus öffentlichen Geldern finanzierte Konjunkturpaket ausschließlich der Erreichung dieser langfristigen gesellschaftlichen Ziele dienen.

Die bisherigen Konjunkturpakete berücksichtigten diese Ziele jedoch nur marginal. Laut dem Forum ökologisch-soziale Marktwirtschaft (FÖS) flossen im Verlauf der jüngsten Weltfinanzkrise in den Jahren 2007 bis 2011 lediglich 13 Prozent der über 80 Milliarden Euro starken deutschen Konjunkturpakete in ökologisch nachhaltige Maßnahmen. Das darf nicht noch einmal passieren, denn die Klimakrise schreitet weiter voran, das Klimaschutzprogramm 2030 wird die gesetzten Ziele voraussichtlich nicht erreichen.

Die aktuelle Corona-Pandemie wird zusätzlich eine langfristige Wirtschaftskrise nach sich ziehen. Doch auch hier berücksichtigen die beschlossenen Konjunkturpakete nur sehr zögerlich die Transformation hin zu einer nachhaltigen klimafreundlichen Form des Wirtschaftens. Nach wie vor sind die Infrastrukturausgaben für gemeinwohlorientierte Maßnahmen wie öffentlicher Nahverkehr, Gesundheitssystem, Altenversorgung und vor allem Klimaschutz nicht ausreichend. Dagegen werden umweltschädliche Industrien mit hohen Geldsummen subventioniert, während den vielen nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen, wie z.B. nach RAL UZ 195 und Umweltmanagementsystemen wie EMAS/ ISO 14001 zertifizierten Druckereien, die Wertschätzung verweigert wird.

Beschreibung des aktuellen Status quo

Zurzeit gibt es keine verbindlichen Vorschriften bei öffentlichen Ausschreibungen, die eine Auftragsvergabe an Druckunternehmen favorisieren, die nach Blauer Engel RAL UZ 195 zertifizierte Druckprodukte anbieten.

Im Mittel haben Druckprodukte, die nach Blauer Engel RAL UZ 195 zertifiziert sind, laut den Aussagen zertifizierter Druckereien, lediglich einen Marktanteil zwischen 10 und 20 Prozent.

Obwohl die Produktionskosten von Recyclingpapieren in der Regel günstiger sind als bei vergleichbaren Frischfaserpapieren, liegt der Handelspreis im Durchschnitt über dem vergleichbarer Frischfaserpapiere, da die Nachfrage für recyceltes Papier noch immer wesentlich geringer ist.

Hintergrund der Kampagne

In Deutschland gibt es knapp 50 nachhaltig wirtschaftende Druckunternehmen, die nach Blauer Engel RAL UZ 195 zertifiziert sind. Außerdem haben diese Druckereien zusätzliche kosten- und zeitaufwändige prozessorientierte Umweltmanagementsysteme wie EMAS oder DIN ISO 14001 in ihren Unternehmen implementiert.

Druckunternehmen, die das Zertifikat Blauer Engel RAL UZ 195 sowie eines der genannten prozessorientierten Umweltmanagementsysteme besitzen, reduzieren ihren CO2-Fußabdruck im Mittel um jährlich mehr als 208 Tonnen CO2 gegenüber konventionell produzierenden Druckereien. Bezogen auf die 50 nachhaltig produzierenden Druckunternehmen liegt die CO2-Einsparung bei 10.400 Tonnen jährlich gegenüber konventionellen Druckereien.

Jede Tonne Recyclingpapier reduziert zudem die CO2-Emission um 8 bis 13 Prozent gegenüber Frischfaserpapieren, das sind im Mittel weitere 80 kg CO2 pro Tonne. Bei einem mittleren jährlichen Papierverbrauch von 500 Tonnen pro Unternehmen, könnten durch den entsprechenden Einsatz von Recyclingpapier zusätzlich weitere 40 Tonnen Co2 eingespart werden. Würden alle genannten 50 nachhaltig wirtschaftenden Druckunternehmen ihren Anteil an verarbeitetem Recyclingpapier entsprechend erhöhen, läge die CO2-Einsparung bei zusätzlich 2.000 Tonnen jährlich.

Systematischer betrieblicher Umweltschutz kostet Geld. Neben Investitionen in entsprechende umweltrelevante maschinelle und energieeffiziente Maßnahmen fallen Kosten für umweltrelevante prozessorientierte Datenerhebungen, Schulungen, Auditierungen, Umwelterklärungen etc. an. Die durchschnittlichen Personenstunden für systematisches Umweltmanagement liegen je nach Größe des Unternehmens zwischen 500 und 1.000 Stunden jährlich. Hinzu kommen die Kosten für die jeweiligen Gutachten und Re-Validierungen der entsprechenden Zertifikate.

Nachhaltig produzierende Druckdienstleister stehen daher vor der betriebswirtschaftlichen Entscheidung, diese Kosten in ihre Produktangebote einzukalkulieren (was aufgrund der Marktlage oft nicht möglich ist), oder diese Betriebsausgaben als Minderung des ökonomischen Betriebsergebnisses selbst zu übernehmen.

Ziel der Kampagne

Grundsätzlich gilt es, einen sozial-ökologischen Aufschwung zu gestalten, der eine den umweltpolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angemessene klimaschonende Form des Wirtschaftens ermöglicht.

Konkret für die nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen der Druckbranche bedeutet das, neben vielen prozessorientierten betrieblichen Umweltleistungen, den Anteil der Druckprodukte aus Blauer Engel zertifiziertem Recyclingpapier kontinuierlich und dauerhaft zu erhöhen.

Nur Druckprodukte mit diesem Logo sind zertifiziert, Bildquelle: RAL gGmbH

Dafür wären Maßnahmen nötig, wie etwa eine längerfristige Vergabe von Subventionen zur Unterstützung der Druckunternehmen, die wesentliche Klimaschutzkriterien bei der Umsetzung von Umweltmaßnahmen wie RAL UZ 195, EMAS und/oder DIN ISO 14001 erfüllen sowie behördliche Vorschriften für öffentliche Ausschreibungen, die nachhaltig hergestellte Produkte, wie RAL UZ 195 zertifizierte Druckprodukte fördern.

Mit diesen Maßnahmen soll der Marktanteil nachhaltig produzierter Druckprodukte signifikant erhöht werden, indem zertifizierte Druckereien diese Produkte günstiger als konventionelle Erzeugnisse anbieten können, und Drucksacheneinkäufer aufgrund des Preisvorteils sich mehrheitlich für klimafreundliche Alternativen entscheiden. Das CO2-Äquivalent wird sich dadurch im Sinne des Klimaschutzes ebenfalls entsprechend signifikant minimieren.

Ein weiteres langfristiges Ziel dieser Kampagne besteht zudem darin, eine gesetzlich verankerte Kennzeichnungspflicht für Druckprodukte einzuführen – ähnlich der seit 2014 existierenden Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel. Sinnvoll wäre hierfür, zusammen mit den entsprechenden Nachhaltigkeitszertifikaten, auf Druckprodukten eine verpflichtende Grün-Gelb-Rot-Ampelkennzeichnung vorzuschreiben, die dem Drucksacheneinkäufer auf einen Blick Auskunft über umweltschädliche und umweltschonende Druckprodukte gibt.

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Beleuchtung der Stadt Landshut, Bildquelle Pixabay

Einsparpotenziale

Wenn die derzeit fünfzig RAL UZ 195 zertifizierten  Druckunternehmen mit Hilfe dieser Maßnahmen den Marktanteil für Blauer Engel Druckprodukte um mögliche 100 Prozent erhöhen, dann könnte die CO2-Emission allein in diesem Bereich im Durchschnitt um 24.800 Tonnen jährlich minimiert werden.

Diese CO2-Einsparung  entspricht einem Energieäquivalent von 49,6 Millionen Kilowattstunden. Damit könnten Städte wie Landshut, Fulda oder Erfurt mit bis zu 210.000 Einwohnern ein ganzes Jahr mit Strom versorgt werden.

Konkrete Umsetzung der Kampagne

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird von der UmDEX-Projektgruppe das Konzept der Kampagne erarbeitet. Sobald die Konzeption abgeschlossen ist, wird eine separate Landingpage veröffentlicht. Dort werden sowohl sachspezifische Fakten sowie Interviews mit Experten zu finden sein und natürlich auch Förderer zu Wort kommen, damit potentielle Unterstützer sich angemessen über den Fortgang der Kampagne informieren können. Geplant ist, Anfang des nächsten Jahres mit der Kampagne an die Öffentlichkeit zu gehen. Danach wird im Austausch mit Sachverständigen der jeweiligen Bundesministerien über die Höhe und zeitliche Dauer der notwendigen Subventionen verhandelt.

Quellen:

Verband Deutscher Papierfabriken e.V.

https://www.vdp-online.de/fileadmin/0002-VDP/07_Dateien/1_Statistik/2018/Kompass_de.pdf

Forum ökologische-soziale Marktwirtschaft

https://foes.de/publikationen/2009/2009-06-FOES-Konjunkturpaket.pdf

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Guido Rochus Schmidt

Guido Rochus Schmidt

Umweltexperte u. Autor

Guido Rochus Schmidt war von 1979 bis 2013 Geschäftsführer der Ulenspiegel Druck GmbH & Co. KG, die 1999 als erste Druckerei Bayerns das EMAS-Zertifikat der Europäischen Union erhielt. Als Umweltexperte betreute er von 1999 bis 2017 die ökologische Fortentwicklung des Unternehmens. Seit 2017 berät der Experte Unternehmen bei allen Fragen der Nachhaltigen Medienproduktion.

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Institutionelle Bemühungen im Umweltschutz gehen häufig in einer nörgelnden Grundhaltung unter. Ändert sich doch eh nix? Menschen, die sich überfordert oder abgehängt fühlen, suchen Schutz im gewohnten Gestern. Poesie. Blicken wir auf heute und morgen. Die Welt ist bis in die kleinste Region der Welt hinein digital und global. UmDEX-Druckereien sind schon heute Teil dieser Zukunft.  
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Nachhaltig orientierte Drucksacheneinkäufer suchen oft nach drei Kriterien, wenn ihre Drucksache ökologisch produziert werden soll: Recyclingpapier, Klimaneutralität und Ökostrom. Die wenigsten Kunden wissen, dass diese drei Kriterien nur einen Teil dessen ausmachen, was unter ernsthafter nachhaltiger Medienproduktion zu verstehen ist.
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