FSC
Ein Siegel zum Schutz der Wälder - Interview mit Dr. Uwe Sayer

Seit Jahrtausenden steht der Wald unter Druck. Neben seiner mythischen Bedeutung war er immer schon materielle Lebensgrundlage des Menschen. Intensive Nutzung von Wald für Baumaterialien oder Energie haben die Artenvielfalt von Wäldern seit der Ausdehnung zivilisatorischer Gesellschaften stark beeinflusst. 

Deutscher Wald im Nebel, Bild von Johannes Plenio auf Pixabay

Und daran hat sich bis heute wenig geändert. Überall auf der Welt schwindet der Wald in hohem Tempo. Laut dem Waldbericht 2018 des WWF sind auf allen Kontinenten der Erde mittlerweile Millionen Hektar Wald verschwunden.

Kurzer Steckbrief des FSC

Im Jahr 1992 wurde während des Umweltgipfels in Rio de Janeiro in der Agenda 21 der Vereinten Nationen zum ersten Mal ein 4-Punkte-Plan zur Umsetzung nachhaltiger Forstwirtschaft formuliert. Doch dieser schien internationalen Umweltorganisationen wie Greenpeace, WWF oder verschiedenen Menschenrechtsorganisationen wenig geeignet, einer ökologischen und sozialen Forstwirtschaft ernsthaft Rechnung zu tragen.

1993 gelang schließlich der große Coup: Auf einer Versammlung im kanadischen Toronto beschlossen WWF, Greenpeace, Gewerkschaften, verschiedene Gruppen indigener Völker und Vertreter von Händlern und Forstwirtschaftsbetrieben den Forest Stewartship Council FSC als internationale Organisation für nachhaltige Waldwirtschaft ins Leben zu rufen.

1994 erfolgte im mexikanischen Oaxaca die Ausarbeitung des internationalen Standards und der Statuten des FSC, die anschließend von der Vollversammlung genehmigt wurden. Zwei Jahre später wurde die Organisation als Verein – ebenfalls in Oaxaca – registriert. Im Januar 2003 verlegte man schließlich den Sitz des FSC international nach Bonn in Deutschland, um modernen Logistikanforderungen besser gerecht zu werden.

Heute zählt der FSC international mehr als 1.000 Mitglieder, und etwa 200 Millionen Hektar werden weltweit nach den Kriterien und Prinzipien des FSC bewirtschaftet. Anlässlich des bald dreißigjährigen Bestehens des Forest Stewartship Council freuen wir uns, dass der Geschäftsführer des FSC Deutschland, Herr Dr. Uwe Sayer, sich trotz der Turbulenzen durch die Corona-Epidemie, die Zeit für ein Interview nimmt.

Interview mit Herrn Dr. Uwe Sayer, Geschäftsführer des FSC Deutschland

Guido Schmidt:  Das FSC-Label zertifiziert Holz, das »aus verantwortlicher Forstwirtschaft« stammt. Was ist unter „verantwortlich“ konkret zu verstehen?

Dr. Uwe Sayer: Der FSC zertifiziert zunächst einmal Wald. Holz aus FSC-zertifizierter Forstwirtschaft kann dann mit FSC-Label gekennzeichnet werden. Hierzu ist dann ebenfalls eine Zertifizierung notwendig. Zertifizierung und Label sind allerdings nur Werkzeuge für die verbindliche Umsetzung von Umwelt- und Sozialstandards bei der Bewirtschaftung von Wäldern. Im Zentrum stehen daher nicht die Zertifizierung, sondern die zugrundeliegenden Standards mit denen positive Umwelt- und Sozialprozesse unterstützt werden. Weltweit bedeutet dies sehr unterschiedliche Vorgehensweisen. In Kanada sind dies beispielsweise Regelungen für die großen umherwandernden Karibuherden oder die Anerkennung von historischen und bis heute ungelösten Landnutzungsfragen durch amerikanische Ureinwohner (wir nennen diese Menschen gemeinhin Indianer, sie selber nennen sich First Nation). In Deutschland hat der FSC schon vor der gesetzlichen Anforderung Mindestlöhne für im Wald arbeitenden Menschen, die Belassung wertvoller Biotopbäume oder die Sicherung von Flächen für die ungestörte Naturwaldentwicklung eingefordert. Weltweit lässt der FSC die Anwendung gentechnisch veränderter Arten nicht zu; er reglementiert die Anwendung von Pestiziden auf ein geringes Maß und sichert Urwaldgebiete wo diese noch flächenhaft vorhanden sind. Dies alles sind Einzelbeispiele unter vielen anderen, die für uns verantwortliche Waldbewirtschaftung bedeutet.

Guido Schmidt: Im Jahr 2019 waren In Deutschland 1,327 Mio Hektar Wald mit dem FSC- Siegel zertifiziert. Das entspricht etwa 12 Prozent der bundesweiten Waldfläche. Was sind Ihrer Einschätzung nach die Gründe für diesen geringen Anteil?

Dr. Uwe Sayer: Aus unserer Sicht ist es eine enorme Leistung, dass wir nach 20 Jahren Organisationsgeschichte auf über 10 Prozent FSC-zertifizierter Fläche in Deutschland zurückblicken können. Auf 1,3 Mio. Hektar wird Forstwirtschaft mit einem Nachweis für hohe Umwelt- und Sozialstandards umgesetzt, die von Umweltverbänden und Gewerkschaften mitgetragen wird. Auf der übrigen Fläche wird zwar nicht kollektive Misswirtschaft betrieben, gleichwohl finden dort viele Dinge statt, die vor allem von den Umweltverbänden hochgradig in Frage gestellt werden. Obwohl sogar die deutsche Bundesregierung für Deutschland eine Fläche von 5 Prozent in deutschen Wäldern für die natürliche Entwicklung vorsieht, um Artenvielfalt im Wald zu sichern, sind derzeit nach Analysen des Bundesamtes für Naturschutz in Deutschland nur 2,8 Prozent  der Waldflächen entsprechend gesichert. Der FSC fordert dies konsequent ein. Ein weiters Beispiel ist die Sicherung von Biotopbäumen. Durchschnittlich stehen in Deutschland etwa 5 Biotopbäume pro Hektar im Wald. Ein FSC-Betrieb muss 10 Bäume pro Hektar nachweisen und erbringt diese gesellschaftliche Leistung für die Artenvielfalt durch vorbildliches Wirtschaften. Aus wissenschaftlicher Sicht ist selbst diese Anzahl um den Faktor 2 bis 4 zu niedrig, um wichtige Funktionen der Ökosysteme zu gewährleisten. Auf der anderen Seite arbeiten nach wie vor zahlreiche Forstbetriebe mit Baumarten auf unangemessenen Standorten. Dies gilt flächenhaft für viele Fichten- oder Kiefernanpflanzungen in Deutschland. In den letzten Jahren sind heftige Debatten um fremdländische Baumarten wie die Douglasie dazu kommen, die durch Debatten um Klimaanpassungen derzeit zudem angefeuert werden.

Alle diese Beispiele unterstreichen den Unterschied und gleichzeitig das zusätzliche Engagement von FSC-zertifizierten zu vielen nicht-FSC-zertifizierten Forstbetrieben.

Guido Schmidt: Im Jahr 2018 wurden laut einer Verlautbarung der Bundesregierung auf eine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen vom 27.9.2019 insgesamt 9 Mio. m3 Rundholz, 2 Mio. m3 Holzchips, 11 Mio. Tonnen Papier und 4 Mio. Tonnen Zellstoff nach Deutschland importiert. Wie hoch war dabei der vom FSC zertifizierte Anteil?

Dr. Uwe Sayer: Diese Zahl ist uns nicht bekannt und mit derzeitigen Systemen auch kaum erfassbar. Klar ist, dass viele Produkte auf unseren Märkten aus nicht-heimischen Quellen stammen. Gleichzeitig ist Deutschland ein Netto-Holzexportland. Beide Holzströme unterstreichen, wie notwendig Nachweissysteme im globalen Kontext sind. Nur nationale Nachweissysteme werden daher in globalisierten Märkten  kaum weiterhelfen. Aus meiner Sicht ist dies ein wesentlicher Gründungsgrund für das weltweite System des FSC gewesen.

Guido Schmidt: In Ihrem Leitfaden für Unternehmen, die FSC-zertifizierte Produkte in die EU importieren, sagen Sie: Die Tatsache, dass außereuropäische Lieferanten FSC-zertifiziert sind, bedeutet nicht, dass der gesamte Lieferumfang durch das FSC-System abgedeckt ist. Was heißt das konkret, und wie wird das von Ihrer Organisation überprüft?

Dr. Uwe Sayer: Als FSC machen wir zwar Aussagen zum Zertifizierungsstatus eines Unternehmens, allerdings sind FSC-Aussagen immer auf ein Produkt bezogen. Die Aussagen zur FSC-Zertifizierung eines Unternehmens dokumentiert quasi die „Fähigkeit“ FSC-Produkte herzustellen oder zu handeln. Der Handel erfolgt aber immer mit Bezug auf ein konkretes Produkt. Das bedeutet: Ein Unternehmen kann das FSC-System für Anforderungen der Europäischen Holzhandelsverordnung EUTR nutzen (z.B. als entsprechende Nachweise gegen Illegalität). Aussagen sind im diesem Fall aber nur in Bezug auf konkrete FSC-zertifizierte Produkte möglich und beziehen sich nie auf das ganze Unternehmen oder seine möglicherweise nicht-zertifizierten Produkte.

Guido Schmidt: Einige Umweltverbände kritisieren den FSC wegen des Holzeinschlags in Naturwäldern und dafür, dass Verstöße nicht immer konsequent sanktioniert werden. Welche Maßnahmen wurden und werden von Ihrer Seite ergriffen, um diese Verstöße zu verhindern?

Dr. Uwe Sayer: Dies sind zwei Fragen in einem: Zur Sicherung von Naturwäldern hat der FSC zwei weltweit gültige einfache Prinzipien: Auf der einen Seite gibt es eine Klassifizierung von besonders schützenswerten Wäldern. Diese Wälder fordern vom Forstbetrieb eine gesonderte Planung und eine schonende Bewirtschaftung. Dies kann auch der Totalschutz von Teilflächen sein.

Darüber hinaus hat der FSC kürzlich Regelung zur Sicherung von großen unberührten Urwäldern verabschiedet. Demnach müssen Waldgebiete mit mehr als 50.000 Hektar zusammenhängendem Urwald zu 80 Prozent ungenutzt bleiben. Hier findet keine Forstwirtschaft mehr statt. Allerdings dürfen dann die anderen 20 Prozent auch forstlich genutzt werden. Organisationen wie Greenpeace geht dies nicht weit genug.

Wir jedoch sind stolz auf diese sehr weitgehende Regelung, die weltweit ihresgleichen sucht. Zur Verhinderung von Verstößen führt der FSC weltweit in jedem zertifizierten Betrieb jährlich unabhängige Vor-Ort-Audits durch. Nicht konforme Betriebe werden konsequent aus dem System ausgeschlossen. Dabei entsteht eine hohe Verlässlichkeit, doch stellen wir immer wieder fest, dass hier auch betrogen wird. Deshalb  entwickeln wir derzeit zahlreiche unterstützende Verfahren, mit denen Missbrauch reduziert wird. Erwähnenswert ist die Verdichtung des Prüfaufwandes auf Transaktionen zwischen Unternehmen, bei Fällen in denen begründete Verdachtsmomente bestehen.

Darüber hinaus bedienen wir uns derzeit, in Zusammenarbeit mit Prüflaboren, forensischer Methoden, die auf Zellbasis Plausibilitäten zwischen Produktaussagen und tatsächlichen verwendeten Holzarten herstellen (z.B. im Bereich von Holzkohle). Pionierarbeit leisten wir derzeit, indem wir weltweit Holzproben von wirtschaftlich relevanten Baumarten sammeln, um im Bereich der Forensik belastbarere Aussagen machen zu können. Dies sind nur einige Beispiele aktueller Maßnahmen zur Verbesserung der Situation.

Guido Schmidt: Weltweit werden Wälder umgewandelt und zerstört? Wie steht der FSC dazu?

Dr. Uwe Sayer: Für den FSC ist die Situation bedrückend. Seit Jahren stellen wir fest, dass es weltweit wirtschaftlich attraktiver ist, Wald umzuwandeln oder zu degradieren, als verantwortlich wirtschaftend mit Wald zu arbeiten. Die Zertifizierung von Wald und die Kennzeichnung von Holz sind wichtige ökonomische Werkzeuge, um dies zu ändern und über Wirtschaftswerkzeuge Wettbewerbsfähigkeit für verantwortungsvoll produzierte Produkte herzustellen. Dass dies noch nicht ausreichend gut gelingt, ist für alle FSC-Beteiligten ernüchternd und Antrieb zugleich. Wir arbeiten daran andere Werkzeuge zu etablieren, die dazu beitragen, dass verantwortungsvolles Handeln im Wald Anerkennung findet und zur Verbesserung der globalen Waldsituation beiträgt. Dazu zählen derzeit beispielsweise intensivere Gespräche auf der politischen Bühne, da weltweit zahlreiche Wälder in staatlichem Eigentum sind. Gleichzeitig arbeiten wir beispielsweise daran, weitergehende Wald-Ökosystemleistungen in eine wirtschaftliche Wertigkeit zu bringen. Denkbar sind hierbei derzeit Themen wie Wald als CO2-Senke oder als Ort für Artenvielfalt, Wasser, Luft oder Erholung. Hier ist allerdings nicht nur die Kreativität von FSC-Akteuren gefragt, sondern die aller Menschen, denen Wald am Herzen liegt. Der FSC wird dies nicht alleine lösen können.

Guido Schmidt: Ende Juni 2019 hat die Generalversammlung des FSC- Deutschland einstimmig die Aufnahme des Verbandes Deutscher Papierfabriken (VDP) als Mitglied beschlossen. Welche Funktion kommt dem VDP innerhalb des FSC zu?

Dr. Uwe Sayer: Der VDP ist als einflussreicher Verband im Papiersektor ein wichtiges Mitglied, genauso wie der WWF Deutschland, die Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt oder zahlreiche öffentliche und private Waldbesitzer in Deutschland. Die Verantwortung aller Mitglieder ist es, den FSC als Organisation zu unterstützen und unsere Ziele anzuerkennen. Aus diesem Grund sind wir froh über jedes Mitglied.

Alle unsere Mitglieder haben immer zwei Rollen: Auf der einen Seite obliegt es der Mitgliederverantwortung die Anliegen des jeweiligen Mitglieds in FSC-Debatten einzubringen. Gleichzeitig ist es Aufgabe eines Mitgliedes die Lösungen des FSC in die jeweiligen Organisationen hineinzutragen und dort zu vertreten. Der VDP tut dies sehr aktiv im Sinne seiner Mitgliedsunternehmen aus der Papierproduktion. Gleichzeitig ist der VDP aber auch wichtiger unterstützender und vermittelnder Partner gegenüber den Papierunternehmen.

Guido Schmidt: Im Papierbereich finden sich häufig das FSC-Mix-Zeichen sowie das FSC-Recycled-Siegel. Wofür stehen diese Siegel?

Dr. Uwe Sayer: Im Kern geht es uns darum, so transparent wie möglich darüber zu reden, wofür ein FSC-Produkt steht. Dies unterscheidet uns wesentlich von zahlreichen anderen Siegelbetreibern am Markt – auch über die Forstwirtschaft hinaus. Einfach ausgedrückt, steht das FSC-Recycled-Label für Fasern aus Recyclingkreisläufen. Dies sind im Papierbereich ganz einfach Recyclingpapiere. Im deutschen Kontext wird dieses Siegel hin und wieder kritisiert, weil es eben nur Faserherkunft und nicht die Recyclingprozesse selbst kennzeichnet. Wir halten diese Kritik für teilweise angemessen, weil das Siegel keine Aussagen zu Umweltfragen im Recyclingprozess macht. Der Blaue Engel macht dagegen entsprechende Aussagen. Daher haben wir zusammen mit dem Bundesumweltministerium vor vielen Jahren schon vereinbart, dass der Blaue Engel hier aus Umweltsicht eine höhere Wertigkeit hat.

Im internationalen Kontext ist die Kritik allerdings unangemessen, da das FSC-Recycled-Label in all jenen Märkten ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist, in denen es keine anderen Kennzeichen für Recyclingprodukte gibt. Gelegentlich würden wir uns wünschen, dass auch deutsche Akteure dies etwas wohlwollender anerkennen.

Spannender und am Markt auch erheblich relevanter ist allerding das FSC-Mix-Zeichen. Diese steht bei Papier für eine Mischung aus FSC-zertifizierten Frischfasern, nicht-zertifizierten Frischfasern und Recyclingmaterialien. Allerdings gelten auch für den nicht-zertifizierten Frischfaseranteil strenge Ausschlusskriterien entlang verschiedener Risikobewertungen. Der FSC nennt dies Controlled Wood. Dies steht für die Vermeidung von illegalen Quellen, Material aus Menschenrechtsverletzungen, Material aus Umwandlungen von Naturwald, gentechnisch veränderten Materialien oder Material aus besonders schützenswerten Wäldern.

Je nach Anwendungsbereich gibt es alle Varianten von Mischungen, angefangen von hochbelastbaren Papieren mit höheren Anteilen an Frischfasern, ebenso wie Papiere mit hohen Recyclinganteilen, in denen geringe Anteile an Frischfasern für Stabilität oder Weiße sorgen.

Aus FSC-Sicht ist das Mix-Label ein zentrales Werkzeug um engagierten Waldbesitzern überhaupt einen Zugang zu industriellen Herstellungsprozessen zu ermöglichen. Da entsprechende Industriebetriebe (z.B. Papier- oder Plattenhersteller) häufig sehr groß sind und in der Regel nur auf kleine FSC-zertifizierte Flächen zurückgreifen können, ist es in der Regel derzeit nahezu unmöglich, reine FSC-Produkte herzustellen. Ohne das Mix-Label wären gerade die aktuellen FSC-Wälder, die wichtige Pionierarbeit im Wald leisten, von der Produktkette kategorisch ausgeschlossen. Erklärtes Ziel des FSCs ist es, mit wachsender Flächenrelevanz, die nicht-zertifizierten Mischungsanteile zu verringern.

Aus unserer Sicht wäre es eine wichtige Rolle von Nachfragern, wie z.B. Druckereien oder deren Auftraggeber, sich aktiv für höhere Recyclinganteile in Papierprodukten einzusetzen. Dies ist jedoch nicht in erster Linie die Rolle des FSCs. Wir stellen in erster Linie flexible Lösungen bereit, die weitgehend den Wald im Auge haben.

Guido Schmidt: Unter den 10 Kriterien, die der Deutsche Drucker als Maßnahme für umweltfreundliche Druckproduktion nennt, befindet sich auch das FSC-Zertifikat für Papier. Viele Druckereien, die in der Chain of Custody zertifiziert sind, bezeichnen sich als umweltfreundlich. Reicht das FSC-Label  Ihrer Meinung nach dafür aus?

Dr. Uwe Sayer: Reicht eine zweijährige KFZ-Prüfung für ein sicheres Fahrzeug aus? Natürlich nicht. Notwendig ist erstmal ganz viel gesunder Menschenverstand und ein kontinuierliches „sich kümmern“, um ein sicheres Fahrzeug zu haben. Dazu kommt ein gültiger Führerschein, sicheres Fahrverhalten, kein Alkohol am Steuer, vielleicht auch ein freiwilliges Tempolimit – zumindest auf bestimmten Straßen und bei kritischen Verkehrslagen. Das Beispiel ist hoffentlich selbsterklärend.

Die FSC-Zertifizierung einer Druckerei ist ein wichtiger Baustein und ein Hinweis, dass eine Druckerei Verantwortung gegenüber Umwelt und Kunden übernimmt. Dazu kommen aber unternehmerische Leistungen zur Energiereduzierung und CO2-Vermeidung, die Reduktion mineralölbasierter Druckfarben, Personalverantwortung, Ressourceneffizienz etc. Diese sind über die FSC-Zertifizierung nicht nachweisbar.

Guido Schmidt: Welche Kriterien (Zertifizierungen und Labels) sind Ihrer Meinung nach neben FSC für eine nachhaltige umweltgerechte Printproduktion notwendig – und welche Unternehmen erfüllen diese Ihrer Meinung nach in der DACH – Region?

Dr. Uwe Sayer: Wir selber arbeiten schon lange mit vielen Unternehmen zusammen, die sich aus der Masse von Druckereien in Deutschland abheben. Dabei sind viele Unternehmen, die sich für ihren Betrieb umfassende Strategien überlegen und neue Dinge ausprobieren. Dies erstreckt sich über Fragen der Papierbeschaffung und der Nutzung eines gesunden Mix aus Recycling- und Frischfaserpapieren, bis zu Fragen der Empfehlung für dünnere Papiere wo dies möglich ist. Einer unserer Partner hat, für ein Druckprodukt von uns, jüngst Lebensmittelfarben ausprobiert, um im Bereich der üblicherweise verwendeten mineralölbasierten Druckfarben neue Dinge auszuprobieren. Mich freut es, statt  FSC auch mal einen Blauen Engel auf Papieren zu sehen. Ich finde es auch gut, mal auf die Herstellung eines Printprodukts zu verzichten oder mit weniger Seiten auszukommen.

Als Förster und Ökologe bin ich kein Experte für umweltgerechte Prozesse in der Druckbranche. Aber ich weiß, dass man über Umweltmanagementsysteme zahlreiche wichtige Umweltaspekte in der Produktion steuern kann. Da helfen Portale wie der UmDEX sicherlich kompetenter weiter bei der Orientierung, welche Unternehmen im Drucksektor umweltgerecht produzieren.

Aus meiner Sicht ist insgesamt jedoch noch sehr viel Arbeit zu tun, und vorausschauende Unternehmen sollten hierfür jede gesellschaftliche Anerkennung bekommen, die möglich ist.

Guido Schmidt: Vielen Dank, Herr Dr. Sayer, für dieses informative Gespräch!

Dr. Uwe Sayer: Ich danke Ihnen für Ihr redaktionelles Interesse.

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Guido Rochus Schmidt

Guido Rochus Schmidt

Umweltexperte u. Autor

Guido Rochus Schmidt war von 1979 bis 2013 Geschäftsführer der Ulenspiegel Druck GmbH & Co. KG, die 1999 als erste Druckerei Bayerns das EMAS-Zertifikat der Europäischen Union erhielt. Als Umweltexperte betreute er von 1999 bis 2017 die ökologische Fortentwicklung des Unternehmens. Seit 2017 berät der Experte Unternehmen bei allen Fragen der Nachhaltigen Medienproduktion.

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