EUDR und die Druckbranche
„Democracy is the worst form of Government [...]“

Die Geltung der Entwaldungsverordnung EUDR wurde um ein Jahr verschoben, auf den 30.12.26. Bis April 2026 soll es diverse Vereinfachungen geben. Diese Änderungen wurden am 23.12.2025 im EU-Amtsblatt veröffentlicht. Schon jetzt ist klar, dass Druckerzeugnisse aus der EU-Verordnung ausgenommen werden, etwa fertige Druckerzeugnisse wie Bücher, Zeitungen, Flyer etc. Druckereien der UmDEX-Klasse waren und sind „ready to EUDR“ und schon seit Jahren unternehmensweit professionell zertifiziert.

EUDR und die Druckbranche und Kreativagenturen
Die EUDR als politischer Dauerbrenner. Das Thema ist elementar wichtig. Auch für die Druck- und Papierbranche. Während sich die einen über das Hin und Her ärgern, loben die anderen den konsequent demokratischen Prozess als Garant für Stabilität, wenn denn die Regularien endlich feststehen.
Die EUDR als politischer Dauerbrenner. Das Thema ist elementar wichtig. Auch für die Druck- und Papierbranche. Während sich die einen über das Hin und Her ärgern, loben die anderen den konsequent demokratischen Prozess als Garant für Stabilität, wenn denn die Regularien endlich feststehen.

Die Änderungen an der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR), also  die Verschiebung um 12 Monate und die Ausnahme für fertige Druckerzeugnisse, sind das Ergebnis einer breiten konzertierten Lobby-Allianz auf europäischer Ebene. Der entscheidende Trilog und die Veröffentlichung im Amtsblatt fanden im Dezember 2024 statt. Kürzlich gab es eine erneute Verschiebung, die den Starttermin auf den 30. Dezember 2026 (für große Unternehmen) und den 30. Juni 2027 (für KMU) festgesetzt hat.

Verschiedene Beiträge zu den aktuellen Änderungen haben Verlegerverbände (wegen des Arguments der Pressefreiheit) und Intergraf (für die Mehrheiten im EU-Parlament) beigetragen. Auch der Bundesverband Druck und Medien (bvdm) ist Teil dieser Allianz.

„Democracy is the worst form of Government except for all those other forms that have been tried from time to time“,

so Winston Churchill in einer Rede vor dem Unterhaus im Jahr 1947. Seine Worte passen gut zur Mühsal der EU‑Gesetzgebung mit der sog. Entwaldungsverordnung (EUDR) beim Finden eines bestmöglichen und somit langfristig tragfähigen Kompromisses. Demokratie ist schwierig, aber definitiv gerade deshalb resilienter als andere Staatsformen.

Das Wesen von Kompromissen ist, dass zumeist niemand gänzlich zufrieden ist und doch alle profitieren.

Trotz der Entscheidungen, wie in der Subline eingeleitet, bleiben wesentliche Fragen offen. Außerdem regt sich massive Kritik. Die Kritiker sehen hier keinen politischen Prozess, sondern eher ein Kräftemessen, bei dem immer die stärkere Seite gewinnt. 

Positiv betrachtet könnte gesagt werden, es geht voran. Doch wegen der Entscheidungen, bestimmte Bereiche zu entlasten und die Fristen noch einmal zu verschieben, bleiben also wesentliche Fragen immer noch offen und triggern weitere Kontroversen. Wenig überraschend ist: Umweltschutzverbände sind mit dem Status nicht zufrieden. Auch hiesige Verlage und diverse Druckereien üben teils scharfe Kritik. 

Status quo der Kontroverse

Natürlich sind solide Gesetzgebungsverfahren, wie sie in der EU üblich sind, anspruchsvoll, da viele Bedarfsgruppen beteiligt sind. Sie sind komplexer und gerade deshalb häufig resilienter als in Autokratien wie Russland, China und neuerdings auch den USA. Gerade die Einbindung aller Bedarfsgruppen wie der EU-Wirtschaft (Industrieverbände etc.) oder Umweltschutzorganisationen ist ein Mechanismus, der langfristig stabilisierend wirkt. Ein breiter Konsens ist Grundlage für berechenbare Gesetzgebungen. Berechenbarkeit ist eine wesentliche Voraussetzung für Investitionen. Kapital sucht Sicherheit. Niemand wird aktuell sagen können, die USA seien ein rechtssicherer Raum. Hier gilt:

Alles kann, nichts muss, sonst vielleicht und eventuell.

Je nach Laune eines alternden Präsidenten. Ist der nicht mehr da, fallen gültige Regelungen schnell wie Kartenhäuser in sich zusammen. Ein Minenfeld. Viele hoffen auf den Anfang vom Ende, möglicherweise schon in wenigen Monaten: 

Die nächsten Midterm Elections (Zwischenwahlen) in den USA finden am 3. November 2026 statt. Nach neusten Umfragen war Trump seit 2021 nicht mehr so unbeliebter wie heute. Er wäre durch den Verlust des Repräsentantenhauses stark geschwächt.

Verglichen damit bietet Europa trotz aller (oder gerade wegen dieser) komplexen politischer Prozesse immer noch bessere Planbarkeit und eine noch relativ systemische Stabilität, auch mit mittlerweile gemäßigten Akteurinnen wie z. B.  Giorgia Meloni. 

EUDR: Reaktionen zu den aktuellen Beschlüssen

Wie der Europäische Wirtschaftsdienst (EUWID) schreibt, begrüßen u. a. die Verlegerverbände MVFP, BDZV und BVDA die formelle Bestätigung der Ausnahmeregelungen für fertige Printprodukte aus der EUDR mit den Worten „endlich Rechtssicherheit“. Durch die Streichung aus dem Anwendungsbereich sollen Presse- und Buchverlage die dringend benötigte Rechtssicherheit erhalten und vor unverhältnismäßiger bürokratischer Belastung geschützt werden, heißt es.

In den EUWID-Gesprächen mit der Papier-, Druck- und Verpackungsindustrie zu dieser Frage zeigt sich im Dezember im Anschluss an die Trilog-Einigung allerdings ein überraschend „dynamisches“ und konträres Bild. 

Die Beschlüsse werden nicht überall begrüßt.

Dass manche eine „härtere Gangart“ wollen, hat Gründe

Die Mühe, die sich große Teile der hiesigen Industrie bereits durch installierte Umweltschutzsysteme gemacht haben, führt teils auch dazu, dass sich einige Unternehmen der papierverarbeitenden Industrie tendenziell sogar für strenge Regelungen aussprechen.

Dass ein Teil der Industrie forderte, dass die EUDR nicht weiter aufgeweicht wird, passiert aus nachvollziehbar strategischen (und nicht nur ökologischen) Gründen.

  1. Die Befürworter: Ihnen geht es um den heimischen Waldschutz als Wettbewerbsvorteil. Das Ziel ist die Umsetzung des ursprünglich gesetzten Ziels. Einige große europäische Papierhersteller und Forstbetriebe haben bereits Millionen in ihre nachhaltige Systematik investiert. Sie sagen, grob zusammengefasst: „Wir sind bereit. Wenn die Gesetze jetzt für alle (möglichst also auch für Importe aus Übersee) knallhart kommen, ist unser zertifiziertes, europäisches Papier plötzlich viel attraktiver als billiges Papier aus fragwürdigen Quellen.“ Diese Unternehmen sehen in einer strengen EUDR einen Schutzwall gegen Billigimporte. Sie fürchten, dass „Erleichterungen“ schnell dazu führen, dass Schlupflöcher für billiges Holz aus Raubbau entstehen, die ihren Investitionsvorteil zunichtemachen.
  2. Die Kritiker: Auch gewisse Druckereien oder bestimmte Verlage befürchten, dass künftig Billigimporten z. B. aus China Tür und Tor geöffnet werden.
    Auch Verpackungshersteller und Verarbeiter sind teils unzufrieden. Ihr Argument ist: „
    Warum darf eine Druckerei ein Buch (Kapitel 49) ohne Nachweise verkaufen, während wir für einen bedruckten Karton (Kapitel 48) jeden Baum einzeln tracken müssen?“ Dieses konträre Bild entsteht, weil die Trilog-Einigung die Druckbranche (Bücher/Zeitungen etc.) nur teilweise massiv entlastet hat, während die Papier- und Verpackungsindustrie weiterhin mehr oder weniger am Haken hängt.

EUDR und Printbuyer wie Agenturen 

Die Veröffentlichung im EU-Amtsblatt am 23. Dezember 2025 markiert einen Wendepunkt.

Das Ganze ist ein ziemliches Durcheinander. Die Interessen sind komplex und vielschichtig. 

So wird von einigen Agenturen aktuell verkündet, dass Papierprodukte generell nicht mehr Teil der EUDR sind, obwohl: Papier war nie „raus“ und soll auch nicht wieder „rein“ – es war die ganze Zeit fester Bestandteil der Verordnung und bleibt es auch. Geändert hat sich die Einordnung von Druckerzeugnissen (Beispiele: Bücher, Zeitungen, Flyer etc.). 

Zusammenfassend

  • Der Status quo: Rohpapier und Pappe (Kapitel 48) bleiben vollumfänglich unter der EUDR. Wer Papier in die EU einführt oder daraus Pappe herstellt, muss weiterhin die volle Geolocation-Nachverfolgung (bis zum Waldstück) leisten. Stand jetzt. 
  • Die Ausnahme: Nur das fertige Endprodukt (das Buch, die Zeitung etc.) wurde ausgenommen (Kapitel 49). Ein Verlag oder eine Druckerei muss für das fertige Buch keine eigene Sorgfaltserklärung mehr im EU-System abgeben. Das gilt also auch für Agenturen. 

Unterschiedliche Reaktionen in der Druckbranche

An der Brancheninitiative UmDEX beteiligte Druckereien waren und sind vollumfänglich bereit, die EUDR wie ursprünglich geplant umzusetzen. Druckereien der UmDEX-Klasse handeln ohnehin ganzheitlich nachhaltig, auf Basis offizieller und hochwertiger Produkt- und Unternehmenszertifizierungen. Derart engagierte und nachhaltig wirtschaftende Druckereien handeln auf Basis von Werten: Globale Themen wie z. B. die dramatisch exponentiell voranschreitende Erderwärmung, Mikroplastik in den Weltmeeren oder die enorme Gefahr für Umwelt und Klima durch die globale Entwaldung sind wesentliche Grundlagen für verantwortungsvolles und schließlich auch ökonomisches Handeln. 

Befürworter wie der Bundesverband Druck und Medien (bvdm) forderten stets den Schutz der Pressefreiheit und kulturellen Vielfalt, aber nicht so, dass ein Wettbewerbsnachteil für Druckereien entsteht. Die EUDR-Bürokratie hätte, so das Argument, besonders kleine Verlage und lokale Zeitungen finanziell belastet, wenn nicht erdrückt. Doch gerade im Wettbewerb mit der digitalen Mediengattung kann es gut sein, Druckprodukte strengeren Regelungen zu unterziehen. Damit hätte die gesamte Branche ein richtig fundamentales Nachhaltigkeitsargument zur Hand. 

Diverse Umweltverbände befürchten, wie erwähnt, Wettbewerbsverzerrungen. Wenn ein in der EU gedrucktes Buch strengen Papierkontrollen unterliegt, ein importiertes Fertigbuch aus Asien aber nicht, könnte das die heimische Industrie paradoxerweise schwächen oder eine Entwaldung „importieren“. Davon wären auch hiesige Druckereien betroffen. Schnell kann also der gut gemeinte Schutz hiesiger Druckereien zum Bumerang werden. 

Umweltverbände und Teile der Druckbranche kritisieren also teils gemeinsam, dass durch die Ausnahme fertiger Produkte ein „Schlupfloch“ für Importe aus Nicht-EU-Staaten entstehen könnte (z. B. in China gedruckte Bücher auf Papier aus fragwürdigen Quellen). Das könne dem Image entsprechender Medien generell schaden. Die Realität nach der Novelle: Da nun importierte Bücher nicht geprüft werden müssen, verliert das Siegel an Wert. Der Konsument weiß im Buchladen nicht mehr sicher: Ist dieses Buch „sauber“ oder ein „EUDR-Schlupfloch-Import“? Das schadet dem Image der Gattung Print insgesamt.

Bestimmte Industrieverbände wiederum kämpfen dafür, dass die Nachweispflicht nur beim Papierhersteller liegt, um die Druckereien von der Bürokratie zu entlasten.

Bürokratiekritiker, auch aus der nicht nachhaltigen Druckbranche, begrüßen die Verschiebung als Atempause, doch die Forderung bleibt: Die EU muss bis April 2026 klären, wie „Null-Risiko-Länder“ (z. B. Deutschland oder Österreich) behandelt werden. 

Die Entscheidung, Druckerzeugnisse auszunehmen, wird also im Umfeld der Druck- und Medienbranche sehr unterschiedlich bewertet. 

Fakt ist: 

Die Druckbranche ist zwar bei der Abgabe der formellen Erklärungen für das Endprodukt entlastet, bleibt aber über den Einkauf von Papier indirekt voll in der Verantwortung.

Wie geht es weiter?

Die EU-Kommission wurde beauftragt, im Rahmen einer „Simplification Review“ bis zum 30. April 2026 konkrete Vorschläge vorzulegen, um die Bürokratie weiter zu senken. Die Schwerpunkte liegen dabei auf:

  • Null-Risiko-Kategorie (Benchmarking): Es soll ein System eingeführt werden, das Länder mit stabilen oder wachsenden Waldflächen (wie Deutschland oder Österreich) als „risikofrei“ einstuft. Dort sollen die Dokumentationspflichten massiv reduziert werden.
  • „Once-only“-Prinzip: Die Sorgfaltsprüfung soll künftig primär beim Erstinverkehrbringer (z. B. dem Papierhersteller oder Importeur) liegen. Nachgelagerte Akteure wie Druckereien sollen lediglich die Referenznummer des Vorlieferanten weitergeben müssen, statt eigene Prüfungen durchzuführen.
  • Erleichterungen für KMU: Kleine und Kleinstunternehmen (KKU) erhalten nicht nur mehr Zeit (bis Juni 2027), sondern sollen auch von vereinfachten Meldeverfahren profitieren.
  • Klärung bei Verpackungen: Es wird geprüft, ob auch Papierverpackungen und Etiketten (die aktuell noch unter die Verordnung fallen) analog zu den Büchern und Flyern entlastet werden können.
  • Damit werden sodann auch Printbuyer von den Erleichterungen profitieren. Sie müssen keine eigene Sorgfaltspflichterklärung mehr im EU-Informationssystem abgeben. Drucksachekäufer:innen müssen sich allerdings weiterhin darauf verlassen können, dass Druckereien konformes Material verwenden. Agenturen könnten in ihre AGB oder Lieferantenverträge Klauseln aufnehmen, die die EUDR-Konformität des verwendeten Papiers vom Drucker garantieren.

Ohnehin werden Printbuyer zunehmend (nicht zuletzt aufgrund der Lieferkettenlogik) auf professionell nachhaltige Druckereien der UmDEX-Klasse zurückgreifen. Für UmDEX-Druckereien könnte die EUReadiness ein USP werden. Die, die es ernst meinen, werden sich finden. Vieles passiert bereits auf freiwilliger Basis. 

Die Basis der EUDR geht häufig unter

Jede Entscheidung sollte mit der Tatsache aufgewogen werden, dass ein Klimawandel nach allen vorliegenden klimahistorischen Daten nie so schnell kam wie derzeit.

Bei allem Gerangel darf der Umwelt- und Klimaschutz nicht auf der Strecke bleiben.

Der sog. 100.000-Jahre-Rhythmus zeigt: In den letzten ca. 800.000 Jahren gab es etwa alle 100.000 Jahre eine ausgeprägte Warmzeit (wie die, in der wir jetzt leben).

Aber: In den natürlichen Zyklen des Quartärs dauerte ein Temperaturanstieg von ca. fünf Grad etwa 5.000 bis 10.000 Jahre. Die natürliche Erwärmung betrug bisher rund 0,05 Grad bis 0,1 Grad pro Jahrhundert. Aktuell haben wir bereits einen Anstieg von ca. 1,2 bis 1,5 Grad in weniger als 150 Jahren

Der aktuelle Wandel ist also bis zu 20 bis 30-mal schneller als die natürlichen Erwärmungsphasen der Erdgeschichte.

Die EUDR wurde nicht ohne Grund entwickelt und ist keine Gängelung, sondern die elementare Lebensgrundlage für die gesamte Menschheit – also auch für die EU-Wirtschaft. 

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Jürgen Zietlow

Jürgen Zietlow

Datenanalyst, Fachjournalist, Unternehmensberater für nachhaltige Kommunikation

Fokus-Slider f. alle Bereiche
Menschen, die der nachhaltigen Transformation und ihren Gründe skeptisch gegenüberstehen, hegen manchmal auch Zweifel am Green Deal – unweit der Frage, wie wichtig die nachhaltige Medienproduktion ist. Was motiviert Druckereien wie Lokay, weit über gesetzliche Anforderungen hinaus nachhaltig zertifizierte Druckprodukte herzustellen – könnten sie sich doch einfach ein grünes Mäntelchen anziehen, so wie andere? Wissen schafft Klarheit – als Basis für Haltung und Werte. Weg frei für den Fortschritt!

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